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„Welch schöner Garten", rief Ludwig XIV. aus, als er von der Zaberner Steige her das mit Frankreich vereinigte Elsaß betrachtete. Es ist ein umhegter Garten, ein hortus conclusus. Nach Westen und Norden hin umzäunen ihn die Vogesen, gen Osten bildet der Rhein den Trenngraben. Und die Burgundische Pforte nach Südwesten ist sprichwörtlich eng.
Dies Gehege hat das Elsaß in einem halb paradiesischen und halb anachronistischen Zustand erhalten. Es hat ihm die natürliche kulturelle Autonomie bewahrt, die anderen französischen Provinzen so abgeht. Im heutigen Frankreich ist Straßburg eine der werügen Städte, vielleicht dank ihres Selbstbewußtseins die einzige, deren Kulturleben völlig eigenständige Züge trägt. Durch die natürliche Isolierung koimte sich im Elsaß auch der — allerdings schwindende, sdiriftspradilidi und literarisch kaum noch genutzte — alemannische Dialekt behaupten. Er gehört zur oberrheinischen Sprachfamilie, ist im Norden der Pfälzer Mundart entfernt verwandt, bildet im mittleren Elsaß ein Gegenstück zum Badischen, um weiter imten immer stärker an Schweizer, spezifisch bas-lerisches Parlieren anzuklingen.
Doch ist diese Einheitlichkeit des Landes nur eine äußerliche. Man hat von der heimlichen Schizophrenie des Elsässers gesprochen, hat ihn psychoanalytisch durchleuchtet. Liebenswürdige wie bedenkliche Absurditäten durchziehen diesen Grenzstreifen. Das Hin- und Herpendeln zwischen zwei Staaten, verbunden mit dem jeweiligen Versuch, die Persönlichkeit des Landes zu verwischen, hat Verdrängungen, Kompensationen, Schweigezonen zur Folge gehabt. Weim zwei sich über das Elsaß unterhalten, meinen sie selten das gleiche. Der eine denkt an jenes tapfere Bollwerk im Osten, das Frankreich ein ganzes Regiment Generäle und entschlossene Patrioten geschenkt hat. Der andere sieht das Elsciß als Herz des oberdeutschen Humanismus zur Zeit Sebastian Brants und Baidung Griens, Niklas Gerhaerts und Schongauers. Ein dritter sucht die Hohenstaufen in Hagenau und Schlettstadt.
Wie von einem viel zu weiten Mantel sind die elsässischen Städtchen von ihrer Geschichte eingehüllt. Die Epochen stehen unverbunden nebeneinander. Nach der offiziellen Lesart müßte in der Tat eine die andere ausschließen. Also assimiliert man keine einzige mehr. Geschichtlidi lebt man, von historischen Zeugen überreichlich umgeben, in einem Zustand des unbewußten Somnambulismus. Der Blick nach Paris vereinfacht die Perspektiven. Aber er läßt auch heimliches Bedauern zurück. Zumal die Beziehung zur Kapitale vielfach durch Haßliebe bestimmt ist. Aus Angst, auch nur in Gedanken des Separatismus geziehen zu werden, projiziert man mehr auf die Hauptstadt, als diese der östlichen, zumal mit Lothringen und anderen Grenzgebieten oft in einem Aufwaschen erledigten Provinz zurückzugeben bereit ist. Auch hier tritt als Folge heimliche Frustration auf, welche durch die Kontakte mit dem prosperierenden, ebenso geschiditslos, allerdings auch ohne ernsthafte Komplexe lebenden deutschen Nachbarn nicht gerade aufgehoben wird.
Um so mehr, wenn dieser Nachbar im Elsaß findet, was im eigenen Land zerstört oder durch rücksichtslose ökonomisierung verdrängt wurde: ein intaktes Geschichtsmuseum, ein romantisches Butzenscheibenbild nur noch geahnter
Günter Metken Land
der Begegnung