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BLICK VOM GREIFENSTEIN
Ein Auto hatte mich bis Bad Blanlcenburg mitgenommen. Nun stand ich, ein wenig fröstelnd in der Kühle des Morgens, auf dem noch menschenleeren Marktplatz und suchte mit dem Blick vergeblich das Gebirge, in das ich wandern wollte. In der Nacht war Regen gefallen. Schwere, dunkle Wolkenbänke mit lehmgelben Säumen deckten mir alles zu.
Der Entschluß zur Reise war ganz plötzlich gefaßt worden. Beim Kramen im untersten Winkel des Bücherschrankes, wo die Stiefkinder der Literatur meist jahrelang unbenutzt ruhen, war mir ein Buch wieder in die Hände gekommen, das von meinem Vater stammte; er hatte es vom Großvater. Das in Kaliko gebundene Büchlein trug den Titel „Der Rennsteig des Thüringer Waldes. Eine Bergwanderung mit einer historisch-topographischen Abhandlung über das Alter und die Bedeutung dieses Weges". Verfasser war der Großherzoglich Sächsische Hofrat Dr. Alexander Ziegler aus Ruhla, und es war 1862 in Dresden erschienen.
Ein Hofrat, Inhaber der größten Fabrik für Meerschaumpfeifenköpfe in Ruhla, wanderte über den Rennsteig. „Niemals fühlt man sich mehr Eins mit der Natur; zu keiner Zeit wird das Gemüth heiliger und stiller emporgehoben in Schauern der Ehrfurcht, als im stillen Walde, wo Alles in tiefer Ruhe und Einsamkeit lebendig und seelenhaft wird und, weil Nichts sich bewegt, Alles zuletzt wie Geist erscheint
Ein Hofrat wanderte über den Rennsteig, und es bewegte sich nichts.
Ich hatte mich vor dem offenen Bücherschrank auf den Fußboden gesetzt und die vergilbte Karte entfaltet, die dem Buch beigegeben war. Wie sauber die Kupferstecher gearbeitet hatten! Und welche Sorgen der Drucker gehabt haben mußte! Zwölf Farben hatte er für diese Karte gebraucht. Nicht das gewohnte Hellbraun für die Höhenschummerungen, nicht Grün für die Forste, nicht Blau für die Gewässer - nein, alles das war in Schwarz mit einer Platte gedruckt. Die zwölf Farben waren zur Kennzeichnung der Ländergrenzen nötig gewesen. Beim Betrachten war es mir vorgekommen, als habe einer Ölfarben auf einen Tümpel gegossen und die Farbkleckse fingen nun an, sich auf die verschiedenartigste Weise zu betragen. Eine Farbe zog sich ängsdich auf den Mittelpunkt des Kleckses zusammen und ließ dabei einen Teil wegschwimmen, der zu schwerfällig war. Eine andere breitete sich nach