Bővebb ismertető
Ulrich Wickert Weshalb noch Angst vor Deutschland?
A.
.ngst als politisches Phänomen begleitet Umbrüche, deren Ausgang zunächst einmal ungewiß ist, wie etwa die »Grande Peur« zur Zeit der Revolution von 1789. Und da im Jahr 1990 die deutsche Vereinigung jene Spitze ist, auf der sich der Kreisel der europäischen Neuordnung dreht, konzentriert sich das existenzbedrohende Gefühl, nicht fähig zu sein, sich selbst in der neuen Ordnung den eigenen Werten entsprechend zu plazieren, auf Deutschland und die Deutschen.
So entsteht aus Antworten auf die Frage nach der Angst vor Deutschland ein faszinierendes Zeitgemälde des geistigen und politischen Zustands Europas. Triumphierte nicht ihr eigener höchster politischer Wert, die Demokratie, deren einer Grundsatz die Selbstbestimmung der Völker ist, wären die Nachbarn der Deutschen in Versuchung geraten, auf den Vorgang der Einigung stärker einzuwirken. So bleiben ihnen, nicht unberechtigt, nur warnende Beschwörungen.
Im Juni noch - nichts war mehr aufzuhalten - erhob die britische Premierministerin Margaret Thatcher ihre Stimme. Sie sei beunruhigt »wegen der Geschichte dieses Jahrhunderts, die wir nicht ignorieren können. Deutschland ist sicherlich eine sehr gute Demokratie. Aber die Vereinigung bringt auch ein gewisses Unbehagen mit sich.« Deshalb verstehe sie die Ängste der britischen Bevölkerung; denn das neue Deutschland sei sowohl poHtisch als auch wirtschaftlich eine dominierende Macht. Ihr Außenminister Hurd hatte im Dezember 1989 Helmut Kohls zehn Punkte zur deutschen Vereinigung ergänzt: »Ich glaube, es bedarf eines elften Punkts, der besagt, daß nichts getan werden sollte, das Gleichge-