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VORSPIEL IM GRAUEN NORDEN
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Es ist im November 1923, am Ende der Inflationszeit. Ich bin auf dem Weg zum Tropeninstitut. Es regnet in Strömen; das Wasser fließt in Bächen von meinem ziemlich abgetragenen schwarzen Lodencape und dringt durch die wenig dichten Stiefelsohlen, die aus irgend einem fragwürdigen Ersatzstoff bestehen. Aber ich gehe trotzdem den fast einstündigen Weg durch die halbe Stadt zu Fuß. Nach vier Kriegs- und ebensovielen Nachkriegsjahren ist man nicht mehr empfindlich. An der Ecke der Jungiusstraße kann ich plötzlich nicht weiter, weil ein Drahtverhau, der bisher nicht dagewesen war, den Weg versperrt. Am Boden davor ist eine kleine Blutlache. „Ach so", denke ich nur, „hier ist heute Nacht wieder Schießerei gewesen, da muß man eben einen Umweg machen." Auch dergleichen regt einen nicht mehr auf, man ist so gleichgültig geworden. Seit sieben Wochen gehe ich täglich diesen Weg zum Tropeninstitut, wo ein Kurs für Ärzte stattfindet, die fortwollen aus den unmöglichen Lebensbedingungen in Deutschland, irgendwohin in die weite Welt, wo man durch Arbeit vorwärts kommen kann. Ich selbst gehöre ja im Grunde nicht dazu, denn ich will nicht auswandern. Auf eine Einladung meines Bruders hin will ich nur für einige Monate nach Haiti fahren, um mir das Land einmal anzusehen, in dem seit fast 100 Jahren meine Vorfahren als Kaufleute gearbeitet haben. Mein Großvater fuhr zuerst hinaus, im Herbst 1839, auf einem kleinen Segelschiff, das 52 Tage für die Überfahrt brauchte. Seine sehr ausführlichen Reisebriefe, die noch erhalten sind, habe ich in den letzten Wochen gelesen. Es wird interessant sein, die eigenen Erlebnisse damit zu vergleichen.