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EINLEITUNG
BERLIN
Die Entwicklung Berlins vom mittelalterlichen Handelsstädtchen zur modernen Großstadt erfolgte in Schüben, unterbrochen von mehr oder minder langen Ruhepausen. Es gab Jahrhunderte, in denen man sich damit begnügte, das Vorhandene allmählich den gewandelten Bedürfnissen-anzupassen, und Jahrzehnte, erfüllt von einer geradezu hektischen Betriebsamkeit. Der Vergangenheit wurde dabei kein Pardon gegeben. Bauherren und Baumeister gingen von der Voraussetzung aus, daß die ästhetischen Wertvorstellungen der Gegenwart, in der sie lebten, schlechthin vollkommen seien. Sie ließen abreißen, was ihrem Schönheitssinn widersprach oder sie aus irgendwelchen anderen Gründen störte. Der Gedanke, Überliefertes für kommende Generationen zu bewahren, war ihnen fremd.
Nur zwei Pfarrkirchen, eine Klosterruine und eine Kapelle erinnern noch an dié ersten fünf Jahrhunderte der Berliner Stadtgeschichte. Was sonst die Zeiten überdauert hatte, fiel schon im 18. Jahrhundert der Spitzhacke zum Opfer. Es gibt in Berlin nicht ein einziges gotisches Bürgerhaus, von Rathäusern, Speichern, Toren und Türmen ganz zu schweigen. Die Gegenwart entledigte sich der Vergangenheit, wie man sich eines Kleides entledigt, das schäbig und unmodern geworden ist.
Kein Zweifel, daß dabei Wertvolles an die Stelle von weniger Wertvollem trat. Das mittelalterliche Berlin zählte nie mehr als siebentausend Einwohner. Es war ein Ort, wie es deren Dutzende gab im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. So bescheiden wie der Wohlstand der Kommune war auch die Kunst, die sie sich finanziell erlauben konnte. Die großen Meister der gotischen Bauhütten kannten ihren Wert. Sie blieben dort, wo man sie in Talern statt in Groschen entlohnte. Erst das barocke Berlin, Kapitale eines aufstrebenden Gemeinwesens namens Preußen, war eine Stadt, mit der sich in Europa Staat machen ließ.
Aber schon um 1800 zog man die Vortrefflichkeit des von Schlüter, Knobeisdorff und Gontard Erreichten in Zweifel. Die Götter, denen man nunmehr huldigte, kamen nicht mehr aus Versailles oder Amsterdam, sondern aus dem Griechenland der Antike. Alles Barocke war ihnen ein Greuel. Ihre Botschaft, von Winckelmann verkündet, hieß edle Einfalt und stille Größe. Wieder mußte das Überkommene weichen. Die schlichten Wohnquartiere der Dorotheen- und der Friedrichstadt wurden abgerissen oder wenigstens klassizistisch überarbeitet. Allein die großen barocken Repräsentationsbauten wie Stadtschloß, Zeughaus, Universität und Staatsoper erinnerten noch an jenes Berlin, welches von den ersten drei Preußenkönigen aus dem morastigen Boden gestampft worden war. Die Hohenzollern trennten sich nicht so leicht von ihren ruhmreichen Traditionen wie das preußische Bürgertum von seinen unguten Erinnerungen an das friderizianische Herrschaftssystem, das auf Befehl und Gehorsam beruhte.