"TV fi P achtzehn Jahren kam ich zum ersten Mai mit der modemen deutschen Kunst in Berühi \ / i rung. Es war 1924 - wiihrend der Ersten Deutschen Kunstausstellung in der Sowjetunion. JL · JL Und es war gleichzeitig auch meine erste Begegnung mit Ottó Nagel, der diese Ausstellung leitete, die erste Begegnung mit seiner Kunst und damit auch die erste Bekanntschaft mit Berlin. Über vier Jahrzehnte sollte ich in dieser Stadt leben, viel Schönes und Schweres erfahren. Aus dem schönen Leningrád zog ich zu meinem Mann in ein düsteres,...
"TV fi P achtzehn Jahren kam ich zum ersten Mai mit der modemen deutschen Kunst in Berühi \ / i rung. Es war 1924 - wiihrend der Ersten Deutschen Kunstausstellung in der Sowjetunion. JL · JL Und es war gleichzeitig auch meine erste Begegnung mit Ottó Nagel, der diese Ausstellung leitete, die erste Begegnung mit seiner Kunst und damit auch die erste Bekanntschaft mit Berlin. Über vier Jahrzehnte sollte ich in dieser Stadt leben, viel Schönes und Schweres erfahren. Aus dem schönen Leningrád zog ich zu meinem Mann in ein düsteres, trauriges Mietshaus im Norden Berlins, dem Wedding. Elend war mir - aufgewachsen in einer ganz anderen Welt - bis dahin zwar nicht unbekannt gewesen, aber ich kann te es vorwiegend nur aus den Büchern Gorkis, Dostojewskis und Zolas. Nun aber erlebte ich es unmittelbar, wohnten wir doch anfangs zu fünft in einem Raum, in dem es von Wanzen wimmelte. Aber das Elend, wie es die Bilder meines Mannes zeigten, wirkte auf mich noch schrecklicher. Deshalb liebte ich seine Pastelle aus der frühen Zeit: Spaziergang im Park, Kind mit rőtem Kleid, Vater und Kind auf einer Bank, Schillerpark. In welch wunderbar lichten Farben waren diese Arbeiten gehalten, deren eigentliche Bedeutung ich erst viel spáter erkannte. Ottó Nagel hat damals freilich nur hin und wieder Pastelle geschaffen. Auch in den Ausstellungen der von Max Liebermann geleiteten Preufiischen Akademie der Künste, bei denen er in den Jahren 1925 bis 1934 immer vertreten war, hat er sie nie gezeigt, war er doch voll und ganz von seiner Aufgabe besessen, das Elend seiner Umwelt darzustellen. Es waren die schrecklichen Jahre der Arbeitslosigkeit, Jahre der bittersten Not. In dieser Zeit konnte er die Welt nicht lieblich zeigen, er wollte aufrütteln. Und so entstanden die Polyptychen Weddinger Familie und Wedding-Kneipe, die groliformatigen Bilder Arbeitsnachweis, Selbstmörder, Urnenbegrábnis, Parkbank und viele andere. Diese künstlerisdi so reiche Periode wurde mit dem Jahre 1933 und dem 1934 folgenden Arbeitsverbot jáh unterbrochen. Viele unserer Freunde gingen fort, die nodi geblieben waren, hatten mit sich selbst genug zu tun - keiner dachte damals an Malen oder ZeiAnen. Als Ottó Nagel das offizielle Schreiben erhielt, das ihm verbot, weiterhin im Atelier zu malen, da sagte er zu mir: Nun gut, dann gehe ich eben und male auf der Strafie - Berlin wird ab heute mein >Freiluftatelier
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