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Vorwort
Der vorliegende Roman ist auf so ungewöhnliche Weise entstanden, daß der Leser die näheren Umstände wissen soll. Das Buch wurde nicht zur Unterhaltung geschrieben, sondern um zwei Männer - die Autoren - zu retten und vor Wahnsinn zu bewahren. Mehrere Jahre lang saßen sie außerhalb von Warschau im Untersuchungsgefängnis der polnischen Sicherheitspolizei, ohne Verhandlung, ohne zu wissen, was man über sie beschlossen hatte. Sollten sie auf Lebzeiten in diesem Keller bleiben oder doch eines Tages die Welt wiedersehen und mit den Ihren vereint leben? Sie wußten es niclit und hatten keine Möglichkeit, sich anders zu beschäftigen als mit ihren Gedanken.
Diese beiden Männer völlig verschiedener Herkunft, die sich in einem Keller begegneten, um dort ein Zwielicht-Dasein von dreizehnhundert Tagen und Nächten gemeinsam zu verbringen, wurden von einem seltsamen Geschick zusammengeführt, seltsam deshalb, weil sie normalerweise einander nie getroffen hätten. Der eine war Pole, Mitte Vierzig, Katholik; er hatte sein ganzes Leben in Polen verbracht und die Sturmzeiten seines Landes miterlebt, war ein hochgebildeter Mensch, gelernter Agronom, der später Redakteur einer Zeitung wurde. Während des letzten Krieges hatte er der polnischen Heimwehr angehört und aktiv am Warschauer Aufstand gegen die Deutschen teilgenommen; nach dem Kriege bekleidete er eine leitende Stellung in der Industrie, bis er im Jahre 1948 verhaftet wurde.
Der andere war Amerikaner, Ende Dreißig; er stammte aus einer Quäkerfamilie und hatte in Harvard studiert. Seine Heimat war der amerikanische Mittelwesten, wo er sich als Architekt betätigte. Als Kind hatte er in der Schweiz gelebt und war seitdem mehrmals nach Europa zurückgekehrt. So war er zur Zeit der deutschen Besetzung Leiter einer englischen Flüchtlingshilfe-Aktion in Polen und besuchte dieses Land nach dem Krieg noch zweimal als Tourist. Nach einem einwöchigen Aufenthalt im Jahre 1949 wurde er von der Sicherheitspolizei festgenommen.
Beide Männer waren zuerst in Einzelhaft, kamen dann aber in eine gemeinsame Zelle. Keiner verstand die Sprache des andern, doch eine dritte stand ihnen zur Verfügung: Deutsch. Monatelang
gingen sie in ihrer Zelle auf und ab, auf und ab wie Bären im Zwinger. Dabei erzählten sie einander Geschichten. Diese konnten zuerst nicht niedergeschrieben werden; als die Gefangenen aber verzweifelten und um Schreibmaterial baten, wurde ihnen das nach langer Überlegung bewilligt. Sie bekamen Bleistifte und Schulhefte und konnten nun endlich schreiben.
Und so schrieben sie das Buch „Bittere Ernte''. Zum Teil entstand es auf polnisch im Kopf des einen, zum Teil auf enghsdi in dem des andern Gefangenen. Sie erzählten es einander auf deutsch, und der Amerikaner schrieb es auf englisch nieder. Sobald ein Heft voll war, mußte es den Wächtern abgegeben werden, und die Autoren zweifelten, ob sie je eines davon wieder zu Gesicht bekämen. Doch als sie im Jahre 1954 entlassen wurden, händigte man dem Amerikaner alle aus.
Die Entstehung dieses Romans weicht stark von der jedes anderen ab. Der Inhalt ist keine Autobiographie, aber die Empfindungen und Gemütsbewegungen der Hauptpersonen spiegeln die Stimmung des Gefangenendaseins wider und manchmal auch die Hoffnungslosigkeit, den größten Feind der beiden Autoren. Sie bewahrten ihren Mut, indem sie sich und ihre Leiden in eine Phantasiewelt projizierten und ihren Überzeugungen auf die einzig erlaubte Art Luft machten, nämlich durch die Gestalten ihrer Geschichte. Auf diese Weise konnten sie sich in Gedanken mit der Außenwelt befassen, mit dem Leben auf einem polnischen Bauernhof und dem Wechsel der Jahreszeiten. Und dies war vielleicht ein kleiner Ersatz dafür, daß sie vom Himmel nur einen winzigen viereckigen Ausschnitt sahen und die jeweilige Jahreszeit nur an den Lauten erkannten, die zu ihnen hereindrangen. Denn in den ganzen fünf Jahren wurde ihnen niclit ein einziges Mal ein Aufenthalt im Freien gestattet.
In dieses Budi haben die beiden Gefangenen ihre ganze Liebe zum Leben gelegt und ihre Sehnsucht nach Dingen, die jeder Mensch normalerweise als selbstverständlich hinnimmt, die für sie aber köstliche Erixinerungen waren und nach denen sie mit einer Heftigkeit verlangten, wie sie nur derjenige kennt, dem sie entzogen wurden. Es ließ sich daher nicht vermeiden, daß dieses Buch manche Bitterkeit enthält, denn es wurde geboren aus der Verzweiflung über die menschliche Unmenschlichkeit und gnadenlose Härte, unter denen die beiden Autoren selbst unsagbar gelitten haben. Nun sind beide endlich wieder frei und leben bei ihren Familien. Aber es hat eine Zeit gegeben, da das Buch „Bittere Ernte'' ihre einzige Freiheit gewesen ist. K. F.