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Die Deutsche Verlags-Anstalt erfüllt eine Ehrenpflicht, indem sie das Werk des Sandro Botticelli in einem besonderen Band unter die „Klassiker der Kunst" einreiht. Durch Jahrhunderte fast vergessen, ist der Florentiner Meister vor etwa hundert Jahren zuerst durch die Künstler wieder zur Anerkennung gekommen; die englischen „Prä-raffaeliten" erkoren sich Botticelli zu ihrem Vorbild. Seither ist er durch Kritik und Urkundenforschung als Künstler wie als Mensch allmählich dem Interesse und der allgemeinen Verehrung immer näher gebracht, so daß er heute unter den Florentiner Malern der Zeit des Großen Lorenzo dei Medici allen voran genannt wird. Mit ihm und seiner Kultur ist er aufs engste verwachsen; seine künstlerischen Bestrebungen hat keiner in so verständnisvoller, eigenartiger und phantasiereicher Weise, mit so viel Geschmack und so feiner Empfindung zu verwirklichen gewußt wie gerade Botticelli. Wie Antonio Sangallo als Architekt, wie Bertoldo und Verrocchio als Bildhauer, so war Sandro als Maler in enger Beziehung zu Lorenzo, schon seitdem dieser nach dem frühenTode seinesVaters Piero als Zwanzigjähriger die Leitung der Republik übernommen hatte. Er blieb in dieser Beziehung bis zu Lorenzos vorzeitigem Tode; ja, obgleich der Künstler den Magnifico noch um ein halbes Menschenalter überlebte, fällt doch seine große, seine wirklich schöpferische Zeit ganz zusammen mit der Regierungszeit Lorenzos. Das lag in der eigentümlichen Veranlagung undEntwicklungSandros. Er war durch den großen Mediceer, der zu einem der gebildetsten Humanisten erzogen war, in den Kreis seiner in griechischen Mythen und griechischer Philosophie fast aufgehenden gelehrten Umgebung vollständig aufgenommen, hatte mit ihnen die italienische Dichtung, vor allen Dantes Werke kennen und lieben gelernt; so sehr, daß er für einen der besten Dante-Kenner galt. Er hielt an seiner strengen Gläubigkeit fest, nahm aber ganz naiv in seinen christlichen Himmel, nach Art derNeuplatoniker, die griechischen Götter wie einen dekorativen Hofstaat mit auf und vermochte in dieser naiven Vereinigung dank seiner lebendigen Phantasie und seiner ernsten, innigen Auffassung Kunstwerke zu schaffen, die das reizvollste sind, was das vorgeschrittene Quattrocento hervorgebracht hat, die ganz aus dem Sinne seines großen Protektors geschaffen sind, und die, ohne banale Verherrlichung desselben, durch sinnige symbolische Beziehungen gerade seiner schönsten, in antike Mythen gekleideten Gemälde zum Ruhm des Magnifico und seines Geschlechts am meisten beigetragen haben. Mit dem Tode dieses Gönners und dem Zusammenbruch des Mediceerregiments trat ein fast jäher Wechsel in Sandros Kunst ein, den vor allem das Auftreten Savonarolas gegen die Sittenverderbnis, die unter der Maske des Humanismus großgezogen war, bewirkte. Seine vernichtenden Predigten gegen den ganzen antikischen Tand auch in der Kunst und die Forderung, nur noch christliche Motive darzustellen, wirkten erschütternd auf das fromme Gemüt des Künstlers; er suchte seine eigene Kunst auf die Forderungen des zelotischen, amusischen Reformators einzustellen, die seiner Begabung entgegengesetzt waren und seine Kunst rasch zum Absterben brachten.
Botticelli II
IX