Bővebb ismertető
Einleitung
Der zweite Band des Brecht-Handbuchs stellt Bertolt Brechts Lyrik und Prosa ins Zentrum. Obwohl der Dramatiker, dem der erste Band galt, viel bekannter und als Klassiker »kanonisiert« ist, sind die Prosa und vor allem die Lyrik Brechts zur Zeit aktueller. Dennoch handelt es sich dabei immer noch um den unbekannteren Brecht. Obwohl »die Zeit der Lyrik« gekommen ist, und zwar schon seit einem halben Jahrzehnt, sind viele Gedichte und damit der wirkliche Umfang des lyrischen Werks vor knapp einem Jahr überhaupt erst allgemeiner bekannt geworden, z. B. auch die Gedichte über die Liebe (was manche Kritiker freilich veranlaßte, wieder am »Lyriker« Brecht zu zweifeln, wenn nicht zu verzweifeln). Brechts Lyrik läßt an Umfang die klassischen Lyriker des 20. Jahrhunderts, Rainer Maria Rilke und Gottfried Benn, weit hinter sich. Auch in der qualitativen Einschätzung beginnen sich längst tiefgreifende »Umschichtungen« (so sagt man heute doch) abzuzeichnen. Sicher ist, daß es noch viele Entdeckungen zu machen gibt. Um vorwegnehmend einige anzudeuten. Die Forschung stellte bisher die Einzelgedicht-Analyse in den Vordergrund, vergaß dabei aber, die von Brecht mit großer Sorgfalt vorgenommene Zusammenstellung der einzelnen Gedichte in den Zyklen zu beachten {Lieder - Gedichte - Chöre, Svendborger Gedichte, z. B.). Die Verwendung medialer Techniken bzw. die Umsetzung medialer Anschauung (Film) in lyrische Sprache und lyrische Bilder sind ein beinahe noch ganz ausgesparter Bereich, der für Brecht aber zentrale Bedeutung hat und ganz wesentlich zur Verbreiterung und »Modernisierung« lyrischen Sprechens beiträgt. Für die Analyse der Kriegsflbel z. B. ergeben sich völlig neue und wichtigere Dimensionen, als wenn man, nach »Mustern« suchend, allein in der Tradition nachgräbt. Überdies ist die Eigenart der Brechtschen Lyrik noch kaum im Bewußtsein. Die Interpreten bewegten sich vornehmlich entweder auf den üblichen Pfaden der Lyrik-Interpretation (Lyrik als - persönlicher - Ausdruck) oder verstanden die Lyrik - wie die Dramatik oft auch - als Transportmittel für irgendwelche (ideologische) Botschaften (wie man das zu nennen pflegt). Die
Diskrepanz zwischen »objektiver«, distanzierter lyrischer Sprache und außerordentlich nachdrücklicher lyrischer Wirkung, die Diskrepanz zwischen oft sehr rationaler Thematik und dennoch lyrisch wirkendem »Ausdruck«, ist kaum thematisiert worden, obwohl gerade darin die Eigenart des neuen lyrischen Sprechens von Brecht liegt. Auf dem Fundament der bisher vorliegenden Forschung liefert das vorliegende Brecht-Handbuch eine Summe der - oft breitgestreuten - Forschung, berücksichtigt, häufig erstmals, aufgrund erneuter, eingehender Recherchen die bisher übersehenen oder nur am Rande behandelten, wichtigen Aspekte der Lyrik Brechts, beschreibt an Einzelbeispielen ihre ästhetische Verfahrensweise und gibt insgesamt einen Überblick über das lyrische Gesamtwerk - dieser Überblick ist der erste Gesamtüberblick überhaupt (das sage ich auch angesichts des Lyrik-Kommentars von Edgar Marsch; dazu unten mehr).
Es bedarf, so hoffe ich, keiner ausgiebigen Rechtfertigung, warum das Brecht-Handbuch nicht jedes einzelne Gedicht von Brecht berücksichtigt. Im Vordergrund steht die Absicht, Zusammenhänge klar darzustellen. Die Vielfalt des einzelnen, die wir gerne Komplexität nennen, um dann zur Tagesordnung überzugehen, liegt mit dem Werk selbst vor. Das Handbuch will sie nicht verdoppeln, sondern handhabbar und nutzbar machen. Exemplarische Einzelanalysen - das gilt analog auch für die Prosa - sind so eingefügt und ausgeführt, daß sie für den Leser auf andere Gedichte übertragbar werden. Das ist produktiver als ein - dies und das erläuternder - unvollständiger Kommentar (außerdem gibt es auch noch editorische Probleme).
Vom »unbekannten Erzähler« Brecht kann man inzwischen nicht mehr sprechen. Wie in der Forschung ein »Lyrik-Boom« zu verzeichnen ist, so haben die Arbeiten zu Brechts Prosa in letzter Zeit entschieden zugenommen. Insofern hat die Forschung begonnen, ein Defizit abzubauen. Dennoch gab es genau genommen die Berechtigung, vom »unbekannten Erzähler« zu sprechen, nie. Die Erzählung Bargan läßt essein war beim Publi-