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Zu diesem Buch
Zeiten des Friedens sind glückliche Zeiten — das lehrt die Geschichte in allen Epochen. Ist der Frieden gewährleistet, wächst auch der Wohlstand. Nicht für alle, aber doch für viele Menschen. Die Hoffnungen auf den großen Frieden, die das Ende des Kommunismus seit 1989 begleiten, haben sich auch 1993 nicht erfüllt. Der Bürgerkrieg auf dem Balkan tobt mit immer größerer Grausamkeit. Nicht um Bürgerkrieg geht es hier, es geht ganz einfach um Völkermord. Keine UN-Schutztruppe, keine Friedensmission, kein Rotkreuz-Ein-satz reicht aus, um dem Morden in dem einst blühenden Land von Bosnien-Herzegowina ein Ende zu machen. Die „humanitäre Hilfe" der Europäer erweist sich als Phrase. Die UNO ist der Papiertiger des Jahres. Denn nicht nur auf dem Balkan sind die Vereinten Nationen gescheitert: Fast ebenso schlimm ist das Ende des Einsatzes am Horn von Afrika, in dem immer noch von kriminellen Banden beherrschten Somalia. Nachdem amerikanische GI's bei Auseinandersetzungen mit dem mächtigsten Clan-Führer Somalias ums Leben kamen und ihre Leichen öffentlich geschändet wurden, sind die Amerikaner zum bedingungslosen Rückzug entschlossen. Die Europäer werden sich 1994 anschließen. „Afrika den Afrikanern" — hoffnungsloser ging keine politische Forderung in Erfüllung als mit dem Abzug der letzten Schutztruppen aus Mogadischu. Und in Liberia, im Sudan, in Angola und an vielen anderen Schauplätzen Afrikas toben ebenso mörderische Bürgerkriege wie in Somalia. Dennoch gibt es auf diesem Kontinent auch Hoffnung. Südafrika, seit Jahren wegen der Rassentrennung wirtschaftlich boykottiert, hat unwiderruflich Abschied genommen von der Apartheid. Der mächtigste politische Führer der Schwarzen, Nelson Mandela, und der mächtigste Politiker der weißen Minderheit, Präsident Willem de Klerk, haben sich auf eine Übergangsregierung geeinigt. Südafrika wird 1994 demokratische Wahlen erleben — und damit die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung endgültig überwinden. Hoffnung wohl auch im Nahen Osten: Nach einem halben Jahrhundert Krieg wollen sich Israelis und Palästinenser gemeinsam auf den Weg der gegenseitigen Anerkennung begeben — ein historischer Entschluß, der den Palästinensern am Ende einen eigenen Staat be-
scheren könnte. Doch der Weg dorthin ist vorerst noch mit Särgen gepflastert. Die Opposition in beiden Lagern versucht, mit blutigem Terror das Gaza-Jericho-Abkommen zu hintertreiben. Und was macht die alte Welt, was macht Europa? Die Europäer sind mehr denn je mit sich selber beschäftigt. Die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit sorgt in den Ländern der „Europäischen Union" für mehr als zwanzig Millionen Arbeitslose und eine schleichende Verarmung weiter Teile der Bevölkerung. Die Industrieproduktion sinkt und führt vor allem in Spanien, Deutschland und Frankreich zu einem spürbaren Verlust an Wohlstand. Lediglich in England zeichnet sich eine langsame Besserung der Wirtschaftslage ab. In den befreiten Ländern Osteuropas dagegen hält die Misere an. Am deutlichsten in Rußland, wo die dramatische Not der Bevölkerung und der Kampf um die Macht zum Putsch gegen Jelzin führten. Nachdem die Armee den Aufstand von Altkommunisten und Neuen Rechten mit dem Sturm auf das Weiße Haus niedergeschlagen hatte, zeigten die ersten freien Wahlen seit 75 Jahren die neuen Gefahren, die Rußland drohen: Der überraschende Sieg der Nationalisten und Neofaschisten wird die Bildung einer Demokratie nach westlichem Muster erheblich erschweren. Von politischer Stabilität ist Rußland noch weit entfernt. Und dennoch gibt es auch im Osten Hoffnung. In Polen bessert sich die wirtschaftliche Lage ganz langsam, und auch in der neuen Republik Tschechien zeichnet sich ein allmählicher Aufschwung ab. Eine Gewißheit hat das vergangene Jahr gebracht: Nach dem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, das trotz diktatorischer kommunistischer Parteiführung eine freie Marktwirtschaft eingeführt hat, wird Ostasien das neue „Boomland" werden. Mehr als zwei Milliarden Menschen, deren Arbeitskraft industriell bisher nur wenig genutzt worden ist, sind ein neues Potential für den Weltmarkt. Ein Potential, das für zusätzliche Konkurrenz sorgen wird, von dessen Kaufkraft aber schon in naher Zukunft auch die alten Handelsländer des Westens profitieren könnten.
Hamburg, im Januar 1994
Die Redaktion