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ZWEI POLITIKER
Als sich Senator Varro an diesem sechsten März nach dem Regierungsgebäude der kaiserlich römischen Provinz Syrien begab, schauten die Passanten seiner Sänfte lange nach. Vor zwei Tagen hatte der neue Gouverneur Cejon die Insignien seines Amtes feierlich übernommen, Beile und Rutenbündel, und es war aufgefallen, daß Senator Varro, der mächtigste Mann der Provinz, der Zeremonie ferngeblieben war. Als er jetzt, verspätet, seine Aufwartung machte, fragte sich die ganze Stadt Antiochien, wie er und der neue Mann sich wohl zueinander stellen würden.
Es war heller Frühling, ziemlich kühl, von den Bergen her kam ein frischer Wind. Man bog in die lange, prächtige Hauptstraße ein. Senator Varro, ein kleines Lächeln um die starken Lippen, nahm mit geübtem Auge wahr, daß schon vor vielen öffentlichen Gebäuden und großen Geschäftshäusern Büsten des neuen Gouverneurs zu sehen waren, von beflissenen Beamten und Bürgern aufgestellt. Aus der schnell vorübergleitenden Sänfte beschaute er die Büsten. Auf krampfig zurückgedrehten Schultern saß da ein kleiner, harter, knochiger Kopf. Wie lange war es her, daß er diesen Kopf zuletzt in Fleisch und Blut gesehen hatte? Zwölf, nein dreizehn Jahre. Damals war er voll von wohlwollender Verachtung für dieses Gesicht gewesen. Damals hatte er selber, Varro, den Platz an der Sonne gehabt, Kaiser Nero hatte ihn verhätschelt, der andere aber, dieser Cejon, der sich den Kaiser nicht hatte zum Freund machen können, war trotz seiner hohen Geburt und seiner großen Titel ein Mann ohne Einfluß gewesen, in steter Furcht, eine Laune des Kaisers könnte ihn wegfegen. Heute war der geniale Nero vermodert.