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VORREDE
So oft ich das Leben eines Menschen darstellte, schwebten mir Bild und Schicksal eines Stromes vor dem Geiste, aber nur einmal erkannte ich im Strom das Schicksal des Menschen. Als ich zu Ende 1924 den Staudamm von Assuan erblickte, drängte sich seine symbolische Bedeutung meiner Seele mit solcher Gewalt auf, daß ich das Leben des Nils an diesem entscheidenden Punkte seiner Bahn stromauf und stromab zu erfassen glaubte. Hier ward ein mächtiges Element durch Menschenwitz gebändigt, um Wüste in Fruchtland zu verwandeln, nicht anders als es der hundertjährige Faust als höchste Leistung humaner Männlichkeit versucht. Der Gedanke an den Schluß des Faust, wie ich ihn in Assuan vor mir sah, erregte den Wunsch, das Epos des Nils zu schreiben, so, wie ich die Geschichte großer Männer geschrieben hatte: als ein Gleichnis.
Bevor ich indessen seine Abenteuer erzählen und ihren tieferen Sinn erkennen lassen konnte, mußte ich ihn selber durchaus kennen lernen, um jene Vision im Einzelnen zu bekräftigen oder zu korrigieren. Afrika kannte ich seit langem, ich liebte den Erdteil, weil er mir Glück gebracht hatte; noch vor dem Kriege hatte ich am Äquator die Quelle des Nils gesehen. Doch erst, als ich auszog ihn zu studieren, enthüllte er sich mir als der wunderbarste unter allen Strömen.
Dieser größte Einzelstrom der Erde ist dennoch durchaus nicht der wasserreichste, was sein Leben und das seiner Länder bestimmt. Er durchfließt die Wüste, bleibt auf der Hälfte seiner Bahn ohne Nebenflüsse, selbst ohne Regen, und doch versiegt er nicht, ja er schafft grade an seinem Ende das fruchtbarste unter allen Ländern. Läßt er in der Jugend seine schönsten Kräfte verdampfen, so kommt er doch noch gewaltig an seiner Mündung an. Obwohl er fast ein Zehntel des Erdumfanges durchfließt, hält er die einfachste Form unter allen Strömen inne: er fließt, bis auf eine Schleife, senkrecht von Süden nach Norden und variiert bei 6000 Kilometer Länge