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Eröffnungsansprache
von P. Kielholz *
Durch die Entdeckung antidepressiv wirkender Pharmaka ist die Depressionsforschung wie nie zuvor angeregt worden. Die neuen Therapiemöglichkeiten forderten auch die Bemühungen um eine Verbesserung der Diagnostik, und so konnte in den letzten Jahren eine laufende Zunahme depressiver Zustands-bilder beobachtet werden. Die Zahl der behandelten Depressionen wurde immer größer, und zwar auch deswegen, weil mehr Kranke spontan den Arzt aufsuchten, nachdem ihnen andere Patienten von den wirksamen Behandlungsmöglichkeiten berichtet hatten.
Die Zunahme von Spät- und Altersdepressionen wird zum Teil auf die Uberalterung der Bevölkerung zurückgeführt. Das Häufigerwerden von psychogenen Depressionen beruht, besonders im städtischen Milieu, vorwiegend auf der Vereinsamung des einzelnen in der Masse sowie auf der wachsenden Streßbelastung.
Eine soeben in der Schweiz bei allen praktizierenden Ärzten durchgeführte Enquete hat ergeben, daß bis zu 10% der Kranken, die einen Arzt aufsuchen, an depressiven Zustandsbildern leiden.
Es gibt viel zu wenige Psychiater, um die immer noch im Wachsen begriffene Zahl depressiver Kranker, denen unbedingt geholfen werden muß und denen man helfen kann, zu behandeln. Daß heute auch der in der Praxis niedergelassene Arzt bereit ist, leichte und larvierte Depressionen zu behandeln, darf somit als wesentlicher Fortschritt angesehen werden.
In den letzten Jahren zeichnet sich bei vielen Depressionen ein Symptomwandel in Richtung einer stärkeren Somatisierung ab, der zum Teil auf den zunehmenden Materialismus unseres modernen Lebens und die Mißachtung der Gemütskräfte zurückzuführen ist. Hier manifestiert sich ein Zeitgeist, der nicht bereit ist, affektive Störungen zu tolerieren, es aber durchaus erlaubt, körperlich krank zu sein. Trotz der Fortschritte in der Diagnostik werden die somatisch larvierten Depressionen oft nicht rechtzeitig erkannt. Immerhin sind wir aber auch in der Erkennung larvierter Depressionen vorwärtsgekommen, und zwar durch die Herausarbeitung von Kernsymptomen, die es gestatten, die diskrete depressive Untergrundsymptomatik aufzudecken. Unser Augenmerk hat sich besonders auf eine Verschiebung der Stimmungslage zu richten, auf die Unfähigkeit des Patienten, sich freuen zu können, auf das Nachlassen seiner Entschlußkraft, auf Schlafstörungen, motivlose Angst, Tendenz zum Grübeln und verminderte Kontakte, aber auch auf die Vielfalt, Wech-selhaftigkeit und ängstliche Art der Schilderung körperlicher Beschwerden.
* Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel (Schweiz)