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Die Frau des Missionars [antikvár]

Pearl S. Buck

 
ERSTES KAPITEL A.us den rasch vorbeihuschenden Bildern dieser Frau, die mir zu Dutzenden durchs Gedächtnis ziehen, wähle ich eins, das am meisten sie selbst ist. Dieses Bild: hier steht sie in dem amerikanischen Garten, den sie im dunklen Herzen einer chinesischen Stadt am Yangtse angelegt hat. Sie ist in der Blüte ihrer reifen Jahre, eine kraftvolle, sehr aufrechte Gestalt mit schöner, freier Haltung; so steht sie mitten im heißen Sommersonnenschein fest auf den Füßen. Sie ist nidit hoch gewachsen, auch nicht sehr klein; sie hält...
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ERSTES KAPITEL A.us den rasch vorbeihuschenden Bildern dieser Frau, die mir zu Dutzenden durchs Gedächtnis ziehen, wähle ich eins, das am meisten sie selbst ist. Dieses Bild: hier steht sie in dem amerikanischen Garten, den sie im dunklen Herzen einer chinesischen Stadt am Yangtse angelegt hat. Sie ist in der Blüte ihrer reifen Jahre, eine kraftvolle, sehr aufrechte Gestalt mit schöner, freier Haltung; so steht sie mitten im heißen Sommersonnenschein fest auf den Füßen. Sie ist nidit hoch gewachsen, auch nicht sehr klein; sie hält einen Spaten in der Hand; sie hat in ihrem Garten gegraben. Es ist eine gute, kräftige Hand, die den Spaten hält; es ist eine feste, braune Hand, nicht zu zierlich gepflegt, und zeigt die Spuren so mancher Arbeit. Dennoch ist diese Hand schön; ihre Finger laufen unerwartet spitz zu und zart. Die tropische Sonne brennt auf die Frau herab, doch die hält ihr ohne Furcht den Kopf entgegen; ihre Augen sind klar der Sonne geöffnet, haselnußbraune Augen mit goldigen Flecken unter dunklen Brauen, sehr ehrlich in ihrem Blick, umrahmt von kurzen, dichten schwarzen Wimpern. Zu dieser Zeit ihres Lebens blieb man nicht stehen, zu schauen, ob sie schön sei oder nicht. Man war festgehalten, gefesselt von Wucht und Kraft des Lebens in diesem Gesicht, von der geraden, nicht kleinen Nase, die zwischen den Augen einen ziemlich breiten Raum frei ließ, von dem beweglichen, sehr ausdrucksvollen und verwandlungsfähi- 5 gen Mund mit den gar nicht schmal geschnittenen Lippen, von dem kleinen kraftvollen, gut geformten Kinn, von dem schönen Hals und den Schultern. Die Sonne scheint ihr heiß aufs Haar, Das ist dicht und weich und umrahmt in Locken das Antlitz. Die Farbe des Haares ist warmes Kastanienbraun; nur dort, wo es von den Schläfen zurückgestrichen ist, und über der niederen, breiten Stirn zeigt es zwei weiße Flügel, und dort, wo es auf dem Hinterkopf zu einem großen vollen Knoten geschlungen wird, misdbtt sich das Weiß wieder und wieder in die Strähnen. Eine seltsam kraftvolle Gestalt ist sie dort in dem amerikanischen Garten, den sie im dunklen Herzen einer chinesischen Stadt angelegt hat! Man könnte sie wahrlich für nichts anderes halten als für eine Amerikanerin, obwohl die Sonne der Fremde ihr die Haut brauner gebrannt hat, als die von Natur gewesen. Müßig lehnt ein chinesischer Gärtner an einer Staude des nahen Bambushains; die blaue Baumwolljacke und die Hose aus dem gleichen Stoff hat er locker um die Mitte gegürtet und trägt einen breiten, aus Bambusfasern geflochtenen Hut auf dem rasierten Sdiädel. Doch weder Bambus noch chinesisdie Gärtner können sie exotisch machen. Sie ist ganz sie selbst. Und eigentlich hat der Mann mit ihrem Garten hier wenig zu tun, es sei denn, daß er zum Gießen die Eimer schleppt. Sie hat dort an der Ziegelmauer, die das Grundstück umschließt, amerikanische Blumen gepflanzt, Goldlack und Lichtnelken und Rosen. Sie ist es, die das Gras so weit brachte, daß es glatt und gepflegt unter den Bäumen wuchs, und sie hat vor der Veranda ein Beet mit englischen Veilchen angelegt. Ihrer Überredung gehorsam, ist der wilde Wein über die häßlichen, eckigen Umrisse des Missionshauses geklettert, und auch andere Schlingpflanzen haben schon zwei Seiten des Gebäudes bedeckt. An einem Ende der langen Veranda hängen die schweren Blüten weißer Kletterrosen, und wenn man näher geht, ruft einen die Herrin des Gartens scharf zurück, denn dort hat eine Turteltaube ihr Nest gebaut; die Frau wacht darüber ebenso eifrig wie die Taubenmutter selbst. Einmal sah ich sie zornig - und sie konnte oft zornig sein weil dieser müßige Geselle von 6

Termékadatok

Cím: Die Frau des Missionars [antikvár]
Szerző: Pearl S. Buck
Kiadó: Bertelsmann Lesering
Kötés: Fűzött keménykötés
Méret: 120 mm x 190 mm
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