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DER TATBESTAND
1
Als Kind wartete er den ganzen Tag, bis seine Kuh sich an dem dürftigen Gras einer Böschung vollgefressen hatte, um ihre Milch trinken zu können. Bis er sich eines Tages fragte, ob es kein anderes Mittel gabe als die Kuh, um Gras in Milch umzuwandeln.
Sein Leben lang hatte er über dieses Problem nadigedacht, ohne dal? es ihm gelungen ware, es zu lösen. Er hatte auch nicht mit irgend jemandem darüber gesprochen. Er spürte, dafi er sterben würde, ohne dieses Problem gelöst zu habén. Trotzdem war er auch wiederum zuversichtlich, obwohl er schon aditundsiebzig Jahre alt und an einen Rollstuhl gefesselt war.
Er öffnete die Augen halb, schlofi sie jedodi gleich wieder, so grell war das Licht auf der Veranda. Die Gittertür bildete nur einen lacherlichen Schutz gegen die Insekten, denn das fein-maschige Netz hing in Fetzen herunter, wie eine alte Tapete, die sich von der Wand gelöst hat.
Tonton beugte sich stöhnend aus seinem Rollstuhl nach vorn. Seine gesunde Hand tastete nach der Whiskyílasche, die auf dem Boden stand. Er zog den Korken mit den Zahnen heraus — er besafi noch ein gutes Dulzend, die fest saBen — und hob die Flasche hoch über sich.
»Ein Tröpfchen, Helena?« fragte er.
Niemand antwortete ihm; er war alléin im Zimmer. Er begann die Flasche zu schütteln und lauschte mit verzücktem Ausdruck dem leichten Schwappen der Fliissigkeit. Mit bewe-gungslosem, immer noch gestrecktem Arm liefi er den Whisky in der Flasche zur Ruhe kommen. Bald war nur noch das flap-pende Surren des Ventilators an der Decke zu hören. Zeitweise lief sich der Motor fest. Dann sah man zwei grofie weiBe Flü-gelblátter, übersat mit Fliegendreck.
»Trink dodi einen Schluck mit mir, Helena, nur um mir Gesellschaft zu leisten«, sagte der Alte und starrte in eine Ecke.
Die Flasche begann in seiner knödiernen Hand zu wackeln.