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Die Existenz, ja das Überleben des ungarischen Volkes und seines Nationalstaates im Karpatenbecken ist ein Wunder der europäischen Geschichte. Es gibt kaum eine Nation, deren Bild im Lauf der Jahrhunderte und Epochen von so vielen und einander dermaßen widersprechenden Klischees umwoben ist wie das der Magyaren. Wie wurden aus »kinderfressenden Kannibalen« und »blutrünstigen Hunnen« die Verteidiger des christlichen Abendlandes und heldenhafte Freiheitskämpfer gegen Mongolen, Türken und Russen? Wer waren die »asiatischen Barbaren«, die auf ihren Raubzügen von der Schweiz bis Frankreich, von Deutschland bis Italien Angst und Schrecken verbreitet hatten und doch als die Letzten der Völkerwellen aus Asien nicht in der Versenkung verschwunden sind?
Ihre Urheimat, ihr Ursprung und die Wurzeln ihrer Sprache, die Gründe ihrer Migration und Ansiedlung sind bis heute umstritten. Daß die Magyaren aber - abgesehen von den Albanern - das einsamste Volk in Europa bilden, mit einer einzigartigen Sprache und Geschichte, kann kaum bezweifelt werden. Arthur Koestler, der ungarisch träumte, aber seine Bücher auf deutsch, später auf englisch schrieb, sagte einmal: »Vielleicht erklärt sich aus dieser exzeptionellen Einsamkeit die seltsame Intensität seiner Existenz. Ungar zu sein ist eine kollektive Neurose.«
Seit der Landnahme um 896 ist diese Einsamkeit mit ihren vielen Facetten der bestimmende Faktor in der ungarischen Geschichte geblieben. Die Angst um den langsamen Tod einer kleinen Nation, um das Aussterben des Ungartums und um die Folgen der durch verlorene Kriege erzwungenen Amputation ganzer Volksgruppen (jeder dritte Ungarstämmige lebt im Ausland) bildet den Hintergrund zur Dominanz der Todesbilder in Dichtung und Prosa.
Sagen, Legenden und Volksüberlieferungen verdeckten oder verzerrten die Realitäten. Zugleich schufen diese Mythen aber die Geschichte in diesem Raum und prägten das Konzept der Nation. Unter der Stephanskrone als Symbol der sogenannten »politischen Nation« bahnte sich ein wechselvolles, zuweilen von glanzvollen Erfolgen ge-