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Man muß ein Kind seiner Zeit sein und das machen, was man sieht
Edouard Manet
Als Edouard Manet 1865 dem Salon seine bereits 1863 entstandene „Olympia" einsandte, mag der Künstler gerade an dieses über zwei Jahre zurückgehaltene Bild größte Hoffnung geknüpft haben, mit ihm nun endlich Verständnis und Anerkennung durch das Publikum zu gewinnen. Bisher hatte der jetzt dreiunddreißig-jährige Manet mit seinen Werken in den Ausstellungen des Salons keine Erfolge gehabt, meist waren sie zurückgewiesen worden. Mit seiner „Olympia" jedoch schien er zunächst mehr Glück zu haben: Sie wurde angenommen, war doch die Jury von 1865 weniger streng in ihrem Urteil, weil zwei Jahre zuvor, 1863, durch einen kaiserlichen Erlaß den Refüsierten, den von der Jury nicht zum Salon zugelassenen Künstlern, gestattet worden war, ihre abgelehnten Werke trotzdem in einem „Salon des Refusés" auszustellen. Auch Manet hatte 1863 mit seinem „Frühstück im Freien" zu den Refüsierten gehört.
Im Salon von 1865 wiederholte sich jedoch vor der „Olympia" in noch krasseren Formen, was bereits im „Salon des Refusés" von 1863 vor dem „Frühstück im Freien" sich abgespielt hatte. Zwei Aufseher mußten zeitweilig vor der „Olympia" postiert werden, um sie vor Zerstörung durch die empörten Besucher zu schützen. Paul de Saint-Victor, ein bekannter Kritiker, schrieb damals: „Die Menge drängt sich wie in der Morgue" - dem Pariser Leichenhaus —, „angelockt von dem Verwesungsgeruch der ,Olympia' Manets. Diese so tief gesunkene Kunst verjlient nicht einmal mehr einen Tadel." Und Théophile Gautier urteilte folgendermeißen ; „Nun kommen wir mit einigem Widerwillen zu den Bildern des Herrn Manet. Es ist eine heikle Sache, von ihnen zu sprechen, und doch kann man sie nicht mit Stillschweigen übergehen. Nach der Meinung vieler sollte man einfach lachen: das ist ein Irrtum. Herr Manet ist keine quantité négligeable; er hat eine Schule, und er hat Bewunderer; sein Einfluß reicht weiter als man ahnt. Herr Manet genießt die Ehre, eine Gefahr zu sein. Jetzt ist die Gefahr aber vorüber. Die ,Olympia' läßt sich auf keine Weise erklären, selbst wenn man sie als das auffaßt, was sie ist, als ein dürftiges Modell auf einem Leintuch. Der Fleischton ist schmutzig, die Modellierung gleich Null. Die Schatten sind durch mehr oder weniger breite Streifen Stiefelwichse ausgedrückt. Und was soll man zu der Negerin sagen, die ein Bukett in einer Papiertüte bringt, und zu der schwarzen Katze, die auf dem Bett ihre dreckigen Pfotenabdrücke hinterläßt?"
Diese Empörung in ihren Wurzeln zu verstehen heißt, zunächst nach den herrschenden Kunstanschauungen zu fragen. Der Lehrer Manets, Thomas Couture, ein zu seiner Zeit berühmter, heute fast vergessener Historienmaler, sagte einstmals tadelnd zu dem lernenden Manet: „Du wirst immer nur der Daumier deiner Zeit werden!" Dieser Ausspruch Coutures ist bezeichnend für die Situation, der sich der junge Manet in Coutures Atelier gegenübergestellt sah und mit der er sich sein ganzes Leben lang auseinanderzusetzen hatte. Die große Kunst, anerkannt und geliebt vom Bürgertum - das war die Historienmalerei, das war die Darstellung religiöser Themen, das waren auch Szenen, die fremden, der Phantasie Spielraum lassenden Ländern entnommen waren, das war schließlich das Nackte, aber transponiert in das ferne Geschehen der antiken Mythologie oder Geschichte und dargestellt in der Schönlinigkeit und Idealität der Renaissance. Ohne diese