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Der Europagedanke im Dienste der MenschenVierzig Jahre nach Gründung der Europäischen Gemeinschaft, einem zeitlichen Abstand, der zur Bewertung der Entwicklungszyklen unserer Gesellschaften notwendig ist, liegt es auf der Hand, daß der europäische Einigungsprozeß unumkehrbar geworden ist. Die Einigung Europas hat das Wirtschaftsleben und die Politik geprägt, die Strategien der Unternehmer beeinflußt und das Bild, das die übrige Welt von Europa hat, gewandelt. Sind sich die Europäer überhaupt der Veränderungen bewußt, die sich in ihrem Alltagsleben und in ihren individuellen Entfaltungsmöglichkeiten durch ein Einigungswerk ergeben haben, das viele für technokratisch halten, weil sie sich mit seinen weltanschaulichen und moralischen Grundlagen nicht beschäftigt haben?Der Europagedanke ist natürlich nicht neu: Dichter und Romantiker des 19. Jahrhunderts waren von dieser Idee inspiriert. Eroberer mißbrauchten den Europagedanken, um ihren Machthunger zu rechtfertigen. Voll entfalten und konkret verwirklichen konnte sich der Europagedanke jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als eine Handvoll; visionärer und beherzter Staatsmänner den Entschluß faßte, den unglückseligen Auseinandersetzungen zwischen den Nationalstaaten ein Ende zu bereiten.Indem die Gründungsväter der Gemeinschaft die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden schufen, Austausch und Dialog förderten sowie Gemeinschafts- und Einzelunternehmungen Freiräume gaben, eröffneten sie den europäischen Völkern bisher ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Europa bauen heißt den Frieden sichern", sagte Jean Monnet, der durch das Scheitern der Bemühungen um eineuropäisches Sicherheitssystem zwischen den beiden Weltkriegen nachhaltig geprägt war. Das Europa auf dem Weg zur Einheit ist aber nicht bloß ein diplomatischer Erfolg. Es ist vor allem ein Experiment mit universeller Tragweite, das darauf abzielt, daß Staaten im Umgang miteinander die Regeln und Verhaltensweisen friedlicher und zivilisierter Gesellschaften anwenden. Wir einigen keine Staaten, wir bringen Menschen zusammen", darauf wies Jean Monnet, der Verfasser der Schuman-Erklärung von 1950, dem Gründungsakt der ersten europäischen Gemeinschaft, der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, immer wieder hin.Habe ich deutlich gemacht, daß die von uns gegründete Gemeinschaft kein Selbstzweck ist? Sie ist ein Umwandlungsprozeß, der sich an die geschichtlich gewachsenen Formen des nationalen Lsbens anschließt. Wie gestern unsere Provinzen, so müssen heute unsere Völker lernen, nach gemeinsamen Regeln und unter gemeinsamen, frei verfaßten Institutionen zusammenzuleben, wenn sie die für ihren Fortschritt Mein Ziel ist es, Völker zu einen und Nationen zusammenzuführen."Jacques Delors, Konferenz der Parlamente der Europäischen Gemeinschaft, Rom, 28. II. 1990Jean Monnet