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VF ANDERTHALB JAHRHUNDERTE RUHMREICHER TRADITION blickt die Humboldt-Universität zurück. Sie ist ein echtes Geschöpf unserer großen klas-. sischen Epoche, an deren Himmel die Sterne Goethe, Hegel, Beethoven, Humboldt leuchten. In tiefer nationaler Erniedrigung wurde dieses strahlende Licht entzündet, um dem ganzen deutschen Volk den Weg der Befreiung au^ mittelalterlich-feudaler Fessel, aus natiormler Zerrissenheit und demütigender Fremdherrschaft zu erleuchten.
Es war die bewunderungswürdige Idee der Einheit aller Wissenschaft, der Universitas litterarum, geboren aus der Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit des Geschehens, die an der Wiege dieser ehrwürdigen Bildungsstätte der Nation stand. Es war das legitime Bestreben der nationalbewußten Intelligenz jener Tage, eine eigene deutsche Nationalkultur, die vom Geist ewigen Fortschreitens erfüllt ist, tief im Volke zu verankern. Diesem ganz konkret historischen Anliegen der Nation verdankt die Berliner Universität unmittelbar ihre Gründung, und so wurde sie damals zu einer Manifestationsstätte wissenschaftlicher Denkart und vaterländischen Verantwortungsbewußtseins, zu der die Nation als Sinnbild kommender Erhebung in Stolz und Hoffnung aufblickte.
Groß ist die Zahl derer, die durch weltbewegende Entdeckungen und pädagogische Meisterschaft den Glanz ihres Namens erhöhten. Hegel und Humboldt, die Brüder Grimm, Johannes Müller und Virehow, Helmholtz, Koch, Nernst, Planck, von Laue, Otto Hahn, Einstein und Butenandt - das sind Namen von Rang und Klang, die in den Annalen des forschenden Geistes der Menschheit leben werden. Unmöglich, sie alle zu nennen. Siebenundzwanzig Nobelpreisträger, drei Leninpreisträger. Das wiegt. Und an dieser Alma mater sog ihr berühmtester Sohn, der nachmalige Begründer der machtvollsten wissenschaftlichen Lehre, die die Erde gesehen hat, Karl Heinrich Marx, die Ideen der deutschen klassischen Philosophie in sich ein, um deren Dialektik zu jener mächtigen Waffe umzuschmieden, die dazu berufen ist, in der Hand der Arbeiterklasse die ganze Welt von Ausbeutung und Krieg zu befreien.
Dies ist die schönste, edelste und verehrungswiirdigste Tradition der Universität unserer Hauptstadt. Es gereicht der bürgerlichen Epoche nicht zur Ehre, daß sie diese Tradition verleugnet hat.
Unsere Klassiker bereits, allen voran Goethe, Schiller und Hölderlin, wurden von düsteren Ahnungen gequält über die Krise, die mit dem kapitalistischen „Maschinenwesen" über die Welt heraufzog. Deutlicher als andere Deutsche ihrer Zeit fühlten sie, daß
150 JAHRE HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN DAS WERDEN EINER JUNGEN UNIVERSITÄT von Kurt Schräder
Im Herbst dieses Jahres ist es 150 Jahre her, daß unsere Universität ihre Pforten den Studenten öffnete. Damit begann eine der für das deutsche Geistesleben der Folgezeit wichtigsten Etappen. Die Geschichte unserer Universität bis zum Jahre 1910 wurde aus der Sicht der damaligen Zeit von Max Lenz in einem vierbändigen Werk niedergelegt, aus dem man eine Fülle von Material schöpfen kann. Seit dieser Zeit hat unsere Universität eine sehr weehselvolle Entwicklung hinter sich gebracht. Im folgenden soll ein Überblick über die Geschichte unserer Universität aus der Sicht unserer Tage gegeben und auf ihren heutigen Charakter als größte Universität des ersten sozialistischen deutschen Staates eingegangen werden. Da der Verfasser als Vertreter der "Angewandten Mathematik den Naturwissenschaften besonders nahe steht, sei es ihm gestattet, die Entwicklung dieser Wissenschaften an unserer Universität ausführlicher zu berücksichtigen. Hierin soll nicht eine Verkennung der großen geschichtlichen Leistungen unserer Universität bei der Entwicklung der Ge-sellsehafts- und Geisteswissenschaften liegen, wie sie etwa durch die Namen Theodor Mommsbn, Leopold von Ranke und Ulrich von Wilamowitz-Möllendoeff gekennzeichnet ist. Auf die Hauptvertreter der deutschen idealistischen Philosophie an unserer Universität wird im folgenden ohnehin eingegangen werden. Die Naturwissenschaften haben in dem fraglichen Zeitraum verbunden mit der Industrialisierung Deutschlands einen epochalen Aufschwung erlebt, für den an unserer Universität wirkende hervorragende Gelehrte bestimmend waren.
Die Gründung unserer Universität vollzog sich in einer Zeit, als weite Teile Europas von Napoleon beherrscht wurden. Erste Gedanken über die Gründung einer Universität in der damaligen preußischen Hauptstadt gehen schon auf den Geheimen Kabinettsrat und Vertrauten Friedrich Wilhelms III., Karl Feibdeich Bbymb, zurück. Er war ein Vertreter des absolutistischen Staates, was ihn jedoch nicht hinderte, im Sinne der damaligen Aufklärung, die hauptsächlich von Kant initiiert wurde, in Fragen der Religion sehr vernunftgläubig und nüchtern zu urteilen. Den STBiNschen Reformbestrebungen, die der Ausdruck des nach vorn drängenden Bürgertums waren, stand er kühl gegenüber. Anknüpfend an bereits vorhandene wissenschaftliche Institutionen in Berlin, so insbesondere an das „Collegium medico-ehirurgicum" und das mit ihm verbundene „Theatrum anatomieum", dem in dem damaligen Deutschland nichts Gleichwertiges an die Seite gestellt werden konnte, wollte er in der Hauptstadt eine Universität gründen, die der Krone Preußens zu besonderem Glänze verhelfen sollte. Die neue Universität sollte eine Zentraluniversität werden, während die Provinzuniversitäten mehr praktischen Zwecken zu dienen hätten. An der Medizinischen Lehranstalt wurden bereits Vorlesungen über Chemie, Physik, Mathematik, Botanik, Zoologie und Philosophie gehalten. An führender Stelle wirkte hier Hufeland, der auch gleichzeitig Mitglied der Berliner Akademie war. Es existierten auch bereits die Charité, ein Botanischer Garten und