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VORWORT
Es ist wohl der Ehrgeiz eines jeden italienischen Verlegers, einen Band über Mailand zu veröffentlichen. Denn i Mailand ist mehr als nur eine Stadt mit tausend Aspekten und tausend Gesichtern; es ist mehr als nur die Wiege der Kunst und Heimstätte großer Geister; es ist nicht nur ein großes Museum oder eine Ansammlung berühmter Monumente. Mailand heute: damit bezeichnet i man einen gewissen Lebensstil, eine besondere Art, zu ' arbeiten, sich auszudrücken, am Kulturleben teilzunehmen, sich eine Existenz aufzubauen. Mailand heute ist gleichbedeutend mit modernem Fortschritt innerhalb einer ständig wachsenden Industrialisierung. Mailand ist l effizient, arbeitsam, unermüdlich; alle Vor- und Nachteile einer modernen Großstadt nehmen hier gigantische und geradezu übertriebene Formen an. Die ewigen Widersprüche zwischen dem Menschen von heute und dem Leben, das erführen muß, machen sich im Gewebe dieser i Stadt in all ihrer dramatischen Kraft bemerkbar. Das ist vielleicht der unmittelbarste Eindruck, den wir von dieser Stadt gewinnen. Aber es wäre wohl ein sehr oberflächlicher Standpunkt, wollten wir bei der Beschreibung der Stadt hier stehenbleiben. Wir sind auf die Suche nach t einem anderen Mailand gegangen, nach einem Mailand, welches das berühmte, das monumentale Mailand, das alle kennen, ergänzt. Dieses Mailand ist irgendwie geheimnisvoller, intimer und echter. Es ist das volkstümliche Mailand, wo sich die Persönlichkeit und die Seele ( seiner Einwohner voll entfalten kann. Hier fällt es uns auch leichter, die Schönheiten der Kunst zu genießen, und die Fülle der Kunstschätze, welche die Stadt in ihren intimeren Bereichen birgt. An jeder Ecke scheint ein romanischer Glockenturm aufzuragen, in jeder noch so kleinen Kirche scheinen unbekannte Kunstschätze zu
ruhen, so daß wir das «andere Mailand» bedeutend mehr genießen können als die Stadt der durch Ansichtskarten unsterblich gewordenen Monumente. Und so sehen wir das schöne Giebeldach von S. Ambrogio mit neuen Augen und nehmen all die Spitztürmchen und Verzierungen des Doms, die über die modernen Gebäude hinwegragen, mit Bewunderung und Erstaunen wahr. Erfüllt von solchen Erfahrungen und Empfindungen, haben wir versucht, unser Buch zu gestalten. Es war nicht leicht, die vielen verschiedenen Aspekte zu berücksichtigen, welche die Stadt uns täglich bietet. Aber so ist Mailand eben: neben der Gotik das Ultramoderne, neben der Fabrik die romanische Kirche, neben dem Großartigen das Einfache. Natürlich wollten wir mit diesem Band kein Gesamtwerk vorlegen, denn das wäre fast unmöglich. Unsere Absicht war es vor allem, dem Touristen ein selbstgetreues Bild von Mailand zu vermitteln und dabei doch nicht die Widersprüche zu verheimlichen, die jede große Weltstadt nun einmal aufweist. Wir hoffen, das erreicht zu haben, was wir uns vornahmen, aber wir möchten den Leser doch daran erinnern, daß eine Großstadt beim ersten Besuch für niemanden leicht zugänglich ist - und Mailand macht von dieser Regel keine Ausnahme. Die lange Entwicklung, die umfassende Tradition und die vielen Gesichter dieser Stadt legen dein Besucher größere Prüfungen auf: er wird in Mailand nicht nur eine große Stadt kennenlernen, in der Kunst und Industrie nebeneinander existieren und auf eine sehr originelle und einzigartige Weise miteinander verschmelzen, sondern er wird sich dabei selbst kennenlernen. Einer großen Stadt ein menschliches Gesicht zu verleihen, ist keine leichte Aufgabe. Wir haben es versucht. Der Leser möge beurteilen, ob es uns gelungen ist.
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