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Der Gedichtband, in dem Gottfried Keller alles das vereinigte, was ihm als lyrischer Ertrag seines ganzen Lebens wertvoll war, ist uns ein besonders kostbares Vermächtnis. Hier offenbart sich die ganze reiche Persönlichkeit des Dichters, so wie sie geworden ist im Lauf der Jahre und im Strom des Geschehens, im Sehnen und Streben, in Ebbe und Flut, in Glück und Leid. Wir blicken in die Seele des Jünglings und in die Züge des Mannes und blicken in das eigene Herz. Das ist wohl das schönste, was man von Kellers Gedichten sagen kann, daß sie lebendige Dichtung sind, und daß ihnen die Zeit nichts hat anhaben können. Es ist in Erfüllung gegangen, was er im „Poetentod" als Wunsch ausgesprochen hat:
„Mein Lied mag auf des Volkes Wegen klingen,
Wo seine Banner von den Türmen weh'n."
Gottfried Kellers Lieder sind in das Gemeingut des Volkes übergegangen, sie erklingen an festlichen Tagen. Seine Verse haben Heimatrecht in der Schulstube wie in öffentlicher Tagung. Und auch da, wo zu feierlicher Handlung und Erinnerung ein Wort besonderer Prägung gesprochen wird, ist dieses Wort dem Schatz entnommen, den uns der Zürcher Meister geschenkt hat. So ist er Genosse seines Volkes, wo die „Banner von den Türmen weh'n", und er sagt uns auch das rechte Wort in der Stille, im Kämmerlein, auf einsamen Pfaden. Sein Gedichtbuch ist dem Hause des Poeten gleich, das gesegnet ist durch die Geisterschar, durch die Penaten. Kellers Landsmann Albert Wälti hat in einem seiner eigenartigen Bilder diese Vision des Dichters aufgegriffen: Auf den Schultern der Leichenträger wird der Herr des Hauses weggetragen, und siehe, aus den Nischen treten Gestalten, die in kostbare Gewänder gekleidet sind und die goldene Gefäße in den Händen tragen. Sie folgen dem Toten, verlassen das Haus. Wir verstehen: öd und leer wird die Halle. Was des Menschen Geist und Herz, was Verstand und Phantasie erschaffen: es ist tot. Halle und Gemächer sind seelenlos.