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Ein langer, schmaler, immer schattiger und zugiger Durchgangshof, von Menschen 5 begangen, die die Warenlager der Pelzhandler suchen, von Kisten und Karren verstellt und umstanden von vier Stock hohen, kahlen Wanden, das ist das Milieu der Kinderjahre von Gerhard Walter Stengel. So hat er es spöter in Wien aus der Tafel 1 Erinnerung gemalt im Bild Jnnenhofam Brühl in Leipzig". Die letzte Fensterfront links oben liegt im hellen Sonnenlicht. Geranien leuchten in den Blumenkasten. Hier befindet sich die elterlicheWohnung, hier wird der Künstler am 13.Januar 1915 als drittes Kind des Lagerhalters Richárd Stengel und seiner Frau Elsa geboren. Die Eltern führen das schlichte, doch musisch aufgeschlossene Leben einer Arbeiterfamilie. Sinn für Hauslichkeit ist ihnen eigen und, darin einbeschlossen, eine hohe Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder zu Menschen, die wissen sollen, daB der Wert ihres spateren Lebens von ihrer eigenen Arbeit bestimmt wird. Daneben spielt die musische Erziehung eine groBe Rolle. Oft und gern wird in der elterlichen Wohnung gesungen und musiziert; es scheint, als habe die Musiktradition des Leipziger Brühl - hier stand 1693 das erste Opernhaus der Messestadt und 120 Jahre spáter die Wiege von Richárd Wagner - das musische Klima in der Familie Stengel besonders stimuliert. Gerhard singt mit, lernt als Kind schon Geige, Blockflöte und Mandoline spielen und begeistert sich an altén Volksliedern. So tief wurzelt die Liebe zur Musik in ihm, daB er noch als fünfunddreiBigjahriger Mann und akademisch ausgebildeter Maler nicht nur mit groBer Freude Weisen von Mozart, Schubert und Carl Löwe singt, sondern auch Gesangsunterricht nimmt und mit dem Gedanken spielt, Sangerzu werden. Die parallel zur Musik sich entwickelnde Liebe zur bildenden Kunst ist jedoch starker. Einen wesentlichen AnstoB gibt in den Kinderjahren Stengels der 400. Todestag von Albrecht Dürer. Damals, 1928, erschienen viele Bücher über dessen Schaffen. Zeitungen berichteten von bedeutenden Ausstellungen. Eine Füllé von Reproduktionen kam auf den Markt. Sie habén viele Arbeiterkinder beeindruckt und in ihnen erste Flammchen der Begeisterung für Bilder entfacht. Stengels Phantasie entzündet sich vor allém an Dürers Darstellungen aus dem Volksleben, wie dem Tanzenden Bauernpaar" oder den Marktbauern". Es ist das Erzahlerische, das sein Interesse findet und ihn über Dürer zu den Genrebildern altér Meister und zu Ludwig Richters Zeichnungen und Holzschnitten führt, aber auch zu ausdrucksvoll berichtenden Fotos. Der Junge kopiert vieles davon, und oft auch gestaltet er es nach eigener Auffassung nach. Zugleich regt sich in dem Dreizehnjahrigen der Wunsch, einfache Gegenstande seiner Umwelt zu malen: in der Küche einen Stuhl, am Ofen die FuBbank, Blumen am Fenster. Es befriedigt ihn, Dinge, die im hauslichen Raume stehen, seinem naiven Gestaltungswillen entsprechend nachzuzeichnen und auf der weiBen Papierflache zu ordnen. Doch all das Mühen vollzieht sich zufallig und hilflos. Die bildende Kunst hat im Elternhaus keine Tradition, wie in den meisten damaligen Arbeiterfamilien nicht. Das Talent des Jungen wird erst im Kindermalzirkel seines Zeichenlehrers einfühlsam gelenkt. Rückschauend erinnert sich der Künstler: lm Sommer fuhr unser Zeichenlehrer Friedrich mit uns hinaus nach Mockau. Die Gegend dort ist sehr abwechslungsreich. Lang ziehen sich die Fluren in die Landschaft hinein, und von besonderem Interesse für uns war die farbige Erscheinung von Rot- und WeiBkrautfeldern und Getreideschlagen. Die Staffelung der Farben zu erkennen war die