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Kossinna im Absland von vierzig Jaliren
\'on Jj c o S. K I c j n , Leningrad
Ks gii)l wohl kanm einen Archäologen, dessen Schriften so \ ieie Auflagen erlebt haben wie die IJüdiei' Guslaf Kossinnas. Die gcsnnile europäische Ardiäologie hat ein halljes .lahrlnnulert lang erhiltert gestrilten, ol) er recht Iiabe oder nicht. In der umfangrei-dien l'orsdiungsgeschichle Daniels, die den Titel Hundert .Jahre Archäologie" Irägl. wird der Name Kossinnas jedodi nur einmal, und audi das nur zufällig, erwähnt (1) an i el . 1950. 241). Er wurde nicht einmal in das Register aufgenommen, wo juan z. B. den General Roy sowie Miss lidwards vermerkt fmdet; Kossinnas Lehre isl dagegen keine einzige Zeile gewidmet. Das Schweigen ist nicht immer ein Zeichen für Einversländnis. sondern liäufiger eine Unterart von Kritik, aber nicht die beste. Ijosonders für eine Forschungsgeschichte. War denn Kossinna wirklich eine so unbedeutende Gestalt in der Wissensdiaftsgeschiclite? Können wir denn, Hand aufs Herz, hehaiiplen. A'on seinem Beitrag sei in der Archäologie von heute nichts erhalten gehlieben? Oder liandeh es sich nur darum, daß Kossinna eine wenig anzieliende Persönlichkeit gewesen ist. daß mit seinem Namen düstere Seiten in der Geschichte der deutschen Wissenschaft verknüpft sind und man sie möglichst rasch vergessen mödile? Der Historiker ist jedoch nicht herechligt, zu vergessen und auszuslreiehen. Schließlich ist die Geschichte ja eine Wissenschaft, aus der man Lehren ziehen sollte. Dafür ist es aber erforderlich, alle ihre Seiten — die tragischen und die heiteren, die langweiligen und die erregenden, die traui'igen und die erhehenden — zu analysieren. in der Perspekti\ o der Zeit zu betrachten, einzuschätzen und zu unterscheiden.
Kossinna ist vor 40 .Jahren gestorben (Dezember 1931). Zwischen seinem Tod und der Machtübernahme durch den Faschismus in Deulsdiland lag nur reichlich ein ¦ Fahr; er wurde zum Vorgänger und Begründer der hitlerischen Archäologie: seine J^ehi'c ging in das ideologische Rüstzeug des ,.Nationalsozialismus" ein. Es ist ganz natürlidi. daß der Zusammenbruch des faschistischen Slaales imd der Fall seiner Ideologie eine Diskreditierung der I.ehre K^ossinnas bedeutete, wohl vor allem in Deutschland. Der Zweite ^^'eltkrieg liat nicht nur politische Grenzen \-erschoben. er beseitigte auch manche geistigen Schranken, die bisher unser Blickfeld beengten, er ernüchterte und reinigte die gesamte Atmosphäre. Ein lieb und vertraut gewordenes Weltbild geriet ins Wanken, wir verloren jede feste Basis und erkannten auf einmal, wie haltlos und wirklichkeitsfern unsere Gedankenwelt war, in der wir bisher gelebt hatten" (Preidel. 1954, 7). Diese Welt bestand für die deutsehe Archäologie haupt-sädiüdi in der Welt Kossinnas. „Oder glaubt heute noch jemand an seine ,Dobber-