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Vorwort 1749 bekannte Gotthold Ephraim Lessing, dessen Lustspiel Der junge Gelehrte" im Jahr zuvor uraufgeführt worden war, in einem Brief an seinen Vater: Wenn man mir mit Recht den Titel eines deutschen Moliere beilegen könnte, so könnte ich gewiß eines ewigen Namens versichert sein. Die Wahrheit zu gestehen, so habe ich zwar sehr große Lust, ihn zu verdienen, aber sein Umfang und meine Ohnmacht sind zwei Stücke, die auch die größte Lust ersticken können." Ein deutscher Moliere" - dem im Dienst der Kirche stehenden Briefempfänger hätte der angehende Stückeschreiber kaum einen größeren Schrecken einjagen können. Was war denn das Theater, zumal die Komödie, anderes als ein Ort, an dem ein schamloses Lotterleben propagiert und praktiziert wurde? Vater Lessing konnte sich beispielsweise auf den Gelehrten Gottsched berufen, der speziell an den Stücken des Herrn Moliere zu tadeln hatte, daß oft das Laster gar zu angenehm, die Tugend aber gar zu störrisch, unartig und lächerlich gemacht" werde. In der Tat: die Tugend", wie sie im Buche steht, ist nicht das Schoßkind des Dramatikers Moliere. Sie muß sich denselben prüfenden Zugriff gefallen lassen, der das Laster" durch seine Darstellung im lebendigen Handlungszusammenhang enthüllt. Wie gefährlich dies sein konnte, zeigt die im Kampf um den Tartuffe" erhobene Forderung, man müsse den Autor auf den Scheiterhaufen bringen - was keineswegs eine leere Drohung bildete. Sie richtete sich gegen einen Künstler, der - auf Voltaire vorausweisend - die raison", die Vernunft" zu Wort kommen ließ. Zu Recht zeigt Ariane Mnouchkine in einer Szene ihrer Filmbiographie Moliere" den jungen Jean-Baptiste Poquelin als Zuhörer Descartes'. Diese raison" hat etwas mit jener Lust" zu tun, von der Lessing spricht, nämlich aus Einsicht heraus zu gestalten - nicht vom Podest der Gelehrsamkeit oder ästhetischen Theorie herab, sondern auf der Bühne, um die sich das Publikum drängt. Vor allem aber basiert diese raison" auf dem Scharfblick und gesunden Urteilsvermögen der einfachen Leute" und enthält hierdurch die Anlage zur Volkstümlichkeit", die Molieres Schaffen selbst als Unterhaltungsproduzent im Auftrag Ludwigs XIV. besitzt. Die vorliegende Ausgabe bietet die Stücke in der chronologischen Reihenfolge ihrer Entstehung bzw. Uraufführung. Hierdurch verbindet sich die Lektüre der einzelnen und für sich zu betrachtenden Werke mit dem Interesse an Entwicklungen, Erweiterungen, Umformungen innerhalb des Schaffens Molieres. Erkennbar wird die immer wieder neue Verknüpfung traditioneller Elemente der Posse in ihrer antiken, italienischen und spanischen Ausprägung mit der für das französische Theater charakteristischen Eloquenz und einer letztlich durch Moliere zur Norm erhobenen Genauigkeit in der Darstellung individueller, in ihrer Handlungsweise auf ihre soziale Umwelt bezogener Menschen. Hierbei kann die Unterscheidung zwischen der Typen- und der Charakterkomödie nur als ungefährer Hinweis auf eine künstlerische Weiterentwicklung Molieres dienen. Der unmittelbaren Anschauung und Beurteilung entzogen ist Molieres Leistung als Schauspieler. Eine Vorstellung von seiner Auffassung dieses Berufes gibt das Stegreifstück von Versailles". Sie läßt sich ergänzen durch die Kenntnis der Rollen, die Moliere in seinen Stücken übernommen hat. Zu ihnen gehört etwa der Herr Sganarelle in der Schule der Ehemänner", der Herr Arnolphe in der Schule der Frauen", der Herr von Pourceaugnac in der gleichnamigen Komödie, Herr Jourdain im Bürgerlichen Edelmann", schließlich Argan, der eingebildete) Kranke". In diesen Gestalten war und ist die dem Schauspieler gestellte Aufgabe verkörpert, menschliches Verhalten erkennbar und begreiflich zu machen. Wir können sicher sein, daß dies dem Schauspieler Moliere in hohem Maße gelungen ist.