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EINLEITUNG
Der erste Korintherbrief ist situationsgebunden in einer Weise, wie das bei l^aum einer zweiten Sciirift des Neuen Testaments der Fall ist. Fast jede Zeile des Briefes nimmt Bezug auf direkte Fragen, auf Unklarheiten, auf Mißstände und auf Probleme, die in dieser überaus lebendigen jungen Gemeinde aufgetaucht sind. Paulus treibt Theologie im praktischen Vollzug, in engster Bindung an eine bestimmte Gemeinde und ihre besonderen Nöte. Diesen Hintergrund, dessen Umrisse die einleitenden Bemerkungen nachzeichnen wollen, gilt es bei der Erklärung des Briefes stets im Auge zu behalten.
1. Die Stadt Korinth
Die »Stadt an den zwei Meeren«, so nannte man die von ihrer geographischen Lage her begünstigte alte griechische Ansiedlung in der Antike. D. h., Korinth hatte Zugang zu zwei Partien des Mittelmee-res und verfügte deshalb auch über zwei Häfen: Lechaion zwei Kilometer nördlich am Golf von Korinth und Kenchreai sieben Kilometer südösdich am Saronischen Golf (in Kenchreai gab es zur Zeit des Paulus bereits eine eigene Christengemeinde, vgl. Röm 16'). Diese günstige Lage hatte zur Folge, daß die Stadt sich zu einem Handelszentrum ersten Ranges entwickelte. In dieser Hinsicht hat Korinth berühmtere Städte wie Athen und Sparta weit überflügelt. Der Neid mißgünstiger Nachbarstädte hat beigetragen zu dem schlechten Ruf Korinths, der aber nicht ohne Anhalt in der Lebenswirklichkeit der vielbesuchten Hafenstadt war. Korinth galt im Akertum mit einigem Recht als Zentrum des Dirnenwesens, ganz abgesehen von der umstrittenen Frage der Tempelprostitution im Heiügtum der Aphrodite auf dem Burgberg Akrokorinth. »Nicht jedes Mannes Sache ist die Seefahrt nach Korinth«, lautete ein geflügeltes Wort. Anlaß dazu gab »die Erfahrung der Seeleute, daß häufig der Gewinn langwieriger und beschwerlicher Seefahrten dort in kurzem Freudenrausche vertan wurde« (WeißX).
Das Korinth des Paulus war eine junge Stadt. Das alte Korinth wurde als letztes Zentrum des griechischen Widerstandes gegen Rom 146 V. Chr. von einem römischen Heer unter Lucius Mummius dem Erdboden gleichgemacht. Erst 100 Jahre später erfolgte unter Julius Cäsar die Neugründung als römische Kolonie - daher der offizielle Name Colonia Laus Julia Corinthiensis. 17 v. Chr. wurde diese Neugründung Sitz des Statthalters der neugeschaffenen Provinz Achaia, die 44 n. Chr. den Status einer senatorischen Provinz erhielt. In solchen Kolonien wurden bevorzugt Veteranen angesiedelt, die ihre Dienstzeit im Heer hinter sich gebracht hatten und denen jetzt ein Recht auf Altersversorgung zustand. Das brachte zunächst eine Do-