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Vorwort.
Am i. März 1907 wurde mir vom Herrn Verlagsbuchhändler und Schriftsteller O. Haering— der angesehene Verlag ist seitdem auf die Firma Julius Springer übergegangen — der Antrag gestellt, ein Werk über die öffentliche Meinung zu verfassen. Herr Haering machte mich auf das damals neue Buch von Gabriel Tarde „L'ofinion et la foule" aufmerksam; ihn habe Herr Professor Georg JellinEK darauf hingewiesen. Ich schätzte seit vielen Jahren Tardes Schriften hoch, wußte aber auch, daß unsere wissenschaftlichen Voraussetzungen, insbesondere die soziologischen, ziemlich weit voneinander entfernt waren; Herr Haering selber sprach die Ansicht aus, ein deutsches Buch über die öffentliche Meinung müsse anders gestaltet sein. Ich willigte ein, ein solches zu verfassen; den Gegenstand hatte ich schon in meiner Schrift „Gemeinschaft und Gesellschaft" (1887) zu berühren gewagt, indem ich den Begriff der öffentlichen Meinung in meine Lehre vom sozialen Willen aufnahm. Meine Zurüstungen zu dem Werke waren während der nächsten Jahre durch vermehrte akademische Tätigkeit, die der Statistik und Sozialökonomik galt, dann zumal durch den Weltkrieg und die Pflichten, die er auch dem Gelehrten auferlegte, gehemmt worden. Dennoch begann ich im Jahre 1915, das Werk zu schreiben, und habe seitdem bis zum Herbst 1921 darin fortgefahren, wenngleich mehrmals durch größere und kleinere Arbeiten, die aus den Nöten der Zeit entsprangen, Unterbrechungen eingetreten sind. Zu diesen Arbeiten rechne ich auch das kleine Buch „Marx' Leben und Lehre" (Jena 1921).
Eine furchtbare Wendung menschlicher Geschicke liegt zwischen jener Zeit, da ich zuerst an das Thema heranging, und dem heutigen Tage. Die Bedeutung der öffentlichen Meinung ist in Wirklichkeit und noch mehr in der Schätzung, die ihr zuteil zu werden pflegt, unermeß-Hch gewachsen. Diese Schätzung freilich ist schon seit dem Ausbruch der großen französischen Revolution so bedeutend gewesen, daß, auch abgesehen von der periodischen Presse, die mehr und mehr das Selbstbewußtsein gewonnen hat, ihre Trägerin zu sein, die Literatur der öffentlichen Meinung, d. i. die Gesamtheit der Lehren und Theorien, die über sie ans Licht getreten sind, in Deutschland und in anderen Ländern — neuerdings besonders in den Vereinigten Staaten — einen großen Umfang gewonnen hat. Die Entwicklungs-