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Lucas Cranach der Ältere ist der einzige große deutsche Maler des 15./16. Jahrhunderts, von dessen Werk man sich eine Vorstellung verschaffen kann, ohne die Sowjetunion zu verlassen. Von seinen Zeitgenossen Dürer, Holbein, Grünewald und Altdorfer gibt es keine Bilder in den Museen unseres Landes. Hingegen verfügen die Ermitage in Leningrad, das Puschkin-Museum der bildenden Künste in Moskau und andere Sammlungen über eine ganze Reihe erstrangiger Arbeiten Cranachs, die zu den schönsten Werken der Kunst überhaupt gehören. Zweck des vorliegenden Bildbandes ist es, den Betrachter mit diesen Werken sowie einigen graphischen Blättern des Meisters bekannt zu machen.
Cranach war wohl der berühmteste deutsche Maler seiner Zeit. »Wahrlich, wenn ich den einzigen Albrecht Dürer, meinen Landsmann, dieses unzweifelhafte Genie, ausnehme, so gewährt, nach meinem Urteil, nur Dir unser Jahrhundert den ersten Platz in der Malerei Die übrigen Deutschen treten zurück, die Italiener, sonst so ruhmsüchtig, bieten Dir die Hand, die Franzosen begrüßen Dich als ihren Meister «, sagte der Zeitgenosse und Freund Cranachs, der berühmte Gelehrte und Humanist Dr. Christoph Scheurl, Rektor der Universität Wittenberg.
In der Tat leistete Cranach einen großen Beitrag zur Entwicklung der westeuropäischen Malerei. Die Jahre seines Lebens fielen in eine Zeit der Hochblüte der deutschen Kunst.
Im Anschluß an die anderen führenden Länder Europas, Italien, die Niederlande und Frankreich, begann sich auch in Deutschland eine neue Kunst durchzusetzen, die von der Wirklichkeit und einem neuen Menschenbild ausging. Es tobte ein harter Kampf mit den Überresten des Mittelalters, in dessen Verlauf sich immer deutlicher die Grundzüge des Realismus der Renaissance herausbildeten. Cranach bewirkte keinen revolutionären Umschwung in der Kunst wie etwa Albrecht Dürer; er beschritt keine neuen, unbekannten Wege. Seine Rolle war eine andere. Cranach war eher der charakteristische Typ des Meisters, der — mit allen Widersprüchlichkeiten behaftet, die für die deutsche Renaissance bezeichnend sind, — auf seine Art die Errungenschaften Dürers weiterentwickelte und sie weiten Kreisen der
Gesellschaft zugänglich machte. Er konnte sich zwar nicht den Einflüssen der mittelalterlichen Traditionen entziehen, dennoch verwirklichte er in seinem Schaffen die Ideen des Humanismus und der Reformation. Zweifellos hat Lucas Cranach viel dazu beigetragen, daß sich der Realismus in der Kunst der damaligen Zeit durchsetzte.
r-^ij Das Werk Cranachs ist kennzeichnend für die Blüte der deutschen Renaissance, spiegelt aber zugleich auch den Beginn ihres Niedergangs wider. Die tragischen Ereignisse der Niederschlagung der Bauernbewegung und der Triumph der feudalen Reaktion führten zur Krise der Renaissance. Die Hoffnungen der besten Menschen des Landes auf den Sieg des Guten und der Gerechtigkeit fielen in sich zusammen. Die Ideen des Humanismus erwiesen sich als schöne Illusionen. Sogar die Persönlichkeiten der Reformation, vor allem ihr Führer Martin Luther, verloren die Verbindung mit den Volksmassen und verwandelten sich in eifrige Gegner alles Fortschrittlichen und Revolutionären. Die späte Periode des Schaffens Cranachs ist Ausdruck der Krise der deutschen Kultur, die in der Mitte des 16. Jahrhunderts einsetzte. Die offenkundigen Tendenzen des Manierismus in den Arbeiten des Künstlers aus dieser Zeit sind dafür ein klarer Beweis.
Cranach war ein äußerst begabter Meister, der seine Kunst glänzend beherrschte. In noch größerem Ausmaß wurde sein Ruhm jedoch durch die bemerkenswerte Fähigkeit begründet, auf Geschmacksrichtungen und sonstige Anforderungen seiner Epoche einfühlend und schnell zu reagieren und in seiner Kunst das darzustellen, was seine zahlreichen Auftraggeber zu sehen wünschten. Mit Eifer arbeitete Cranach für die feudalen Erzbischöfe und Prälaten. Das aber störte den Künstler keineswegs, Aufträge von Bürgern auszuführen, mit Humanisten zu verkehren und mit Martin Luther befreundet zu sein, dessen Ideen sich in seinem Werk widerspiegeln. In späteren Zeiten wurde Lucas Cranach häufig der Maler der deutschen Reformation genannt.
Aber Cranach war nicht nur ein großer Maler. Als wahrer Sohn seines Zeitalters, der Epoche der deutschen Renaissance, lebte er ein kraftvolles, aktives Leben und hatte buchstäblich überall Erfolg.
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