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Eine lange Kindheit
Die Kindheit Marcel Pransts hat sich weit über die üblichen Grenzen erstreckt. Als kleiner Junge war er so überempfindlich, daß er ohne den Gutenachtkuß der Mutter nicht einschlafen konnte. Dietger Kuß, die Ängste und Freuden, die er ihm verdankte, bilden eines der Themen sowohl von JeanSanteuil luie auch von A la Recherche du Temps perdu (t, 23-jSj, denn der unvollendete Roman und das gigantische Erinnerungsioerk kreisen um die gleichet^ Schlüssel-Erinnerungen, die, ivenn auch mehr oder weniger jeich orchestriert, in dem stammelnden Versuch der fugendtage und dem Meisterwerk der Reifezeit immer dieselben bleiben. Marcel Proust hat niemals etwas nur erfunden, was ihn selber betraf oder in seinen Büchern jenem Erzähler zugeschrieben wird, mit dem er — abgesehen von bestimmten, im Rahmen eines Romans unvermeidlichen Umsetzungen — fast völlig zu einer Person verschmilzt. Die Gegeniuart seiner Mutter loar so unerläßlich für ihn, daß er bis zu ihrem Tode mit ihr zusammenlebte. Er war damals bereits fast fünfunddreißig fahre alt. Dies krankhaft empfindliche Kind finden wir also in den Romanen, die er schrieb, «als er groß geworden war», loieder, doch ohne daß er dabei im mindesten vergessen hat, was er, «als er klein war», empfand — das, was die Nicht-Künstler unter uns — sehr zum gesicherten Behagen eines von da an immun gewordenen Lebens — aus dem Gedächtnis verloren haben.
Zwischen dem Professor Adrien Proust und seinem Sohn war der Verkehr eher schmerzlich und schwierig. «Ich versuchte zwar nicht, ihn zufriedenzustellen — ich bin mir darüber klar, daß ich der Scnj;i-ten auf seinem Leben gewesen bin —, wollte ihm aber doch immerhin meine Liebe beweisen. Dennoch gab es Tage, an denen ich mich gegen die allzu große Bestimmtheit und Sicherheit seiner Behauptungen auflehnte.» (Corr. II, 4.^ — 50) Als Generalinspekteur des Sanitätswesens, Professor der Gesundheitslehre an der Medizinischen Fakultät, Mitglied der «Académie de Médecine», als Spezialist in allen die Übertragung ansteckender Krankheiten im Orient betreffenden Fragen, technischer Berater für Frankreich bei sämtlichen in jenenTa-gen stattfindenden internationalen Konferenzen über Sanitätswesen, war Professor Adrien Proust in der Tat alles andere als ein Schwächling und Träumer. «Mein Vater hatte für meine Art von Begabung eine so sehr mit zärtlicher Liebe gemischte Nichtachtung, daß seine Gesamtreaktion gegenüber allem, was ich trieb, in blinder Nachsicht bestand.» (II, 44) Beim Tode seines Vaters schrieb Marcel Proust an Laure Hayman:
«Meine schlechte Gesundheit, für die ich aus diesem Grunde gar nicht dankbar genug sein kann, hatte zur Folge, daß ich seit Jahren schon sehr viel mehr mit ihm lebte, da ich gar nicht mehr ausging.