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MARJORIE
1. Marjorie
Beunruhigt und voll geheimer Sorge schaute Marjories Mutter an einem Sonntage morgen um halb elf ins Schlafzimmer ihrer Tochter. Alles, was sie dort sah, erregte ihr Mißfallen: das zerknüllt auf dem Stuhl hegende, teure schwarzseidene Abendkleid, die achtlos darübergeschleuderte, hauchfeine rosa Unterwäsche, die Strümpfe, die sich wie tote Schlangen auf dem Fußboden ringelten, und die welken bräunlichen Gardenien auf dem Schreibpult. Am heftigsten aber mißbilligte sie, wie selig und unbekümmert ihre bildhübsche siebzehnjährige Tochter dort, von einem Geviert goldenen Sonnenlichts beschienen, in ihrem üppigen, breiten Bett schUef; das Haar ein wuscheliges Gewirr brauner Locken, der knallrote Mund verschmiert von Lippen^ Stift und das zierliche Näschen infriedUchen und regelmäßigen Atemzügen erbebend. Marjorie schlief sich nach einem College^Ball aus. Wie sie dort lag, sah sie sehr süß und sehr unschuldig aus, aber ihre Mutter argwöhnte, daß dieses Bild täuschte. Sie mußte an das trunkene, rauhe Lachen im Treppenhaus um drei Uhr nachts denken, an das unterdrückte Mädchengekicher und das an ihrem Schlafzimmer vorüber/-huschende Zehengetrippel. Wenn Marjorie auf einen College-'Ball ging, tat ihre Mutter kaum ein Auge zu. Trotzdem wäre es ihr nie eingefallen, es der Tochter zu untersagen; heutzutage war es eben übhch, daß die jungen Mädchen auf Tanzereien ihre Bekanntschaften machten. In ihrer Jugend hatte es das nicht gegeben, aber man mußte sich eben bemühen, mit der Zeit Schritt zu halten. Ja, die Sitten und Ge^ bräuche in Liebesdingen wandelten sich mit der Zeit und dem Ort, aber so wie die Jugend die Sache gerade anpackte, schien es das einzig richtige zu sein. Seufzend ergriff sie die welkenden Blumen — sie würde sie in den Kühlschrank legen und sehen, ob sie nicht doch noch zu retten seien — und schloß behutsam die Tür.
Aber das leise Geräusch hatte Marjorie geweckt. Sie schlug ihre großen graublauen Augen auf, wandte das Köpfchen zur Seite und äugte blinzelnd durchs Fenster. Dann setzte sie sich kerzengerade auf. Es war ein klarer, strahlendschöner Tag. Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett und hef in ihrem weißen Nachthemd zum Fenster.
Einer der vielen Vorzüge des ElDorado/'Gebäudes war, daß es gegenüber dem Central Park lag. Hier oben im siebzehnten Stock konnte niemand ihre Nacktheit belauschen, niemand außer den Vögeln in der Luft. Jeden Morgen von neuem — und viel eindringlicher als der weite Blick auf den grünen Park und die Wolkenkratzer — vermittelte ihr diese Tatsache das Gefühl, im Luxus zu leben. Die Wohhat, sich von spähenden Blicken unbeobachtet zu wissen, genoß Marjorie erst seit knapp einem Jahr. Sie liebte das El Dorado, hebte alles daran, auch den Namen. Er war wie geschaffen für ein Appartementz-Haus in Central Park West. »El Dorado«, das hatte einen so vornehmen, ausländischen Klang. In Marjories Vorstellungswelt gab es zwei
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