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HANS MEMLING
SEIN LEBEN UND SEINE KUNST
Das fünfzehnte Jahrhundert hat in der Geschichte der menschlichen Kultur eine ganz hervorragende Bedeutung. Es herrscht Frühlingsstimmung in ihm. Jugend und kräftiges Wachstum, kühne Entdeckertätigkeit und frische Künstlerfreude sind seine Wahrzeichen, und sie sind es so sehr, daß wir diese Zeit als eine ganz besonders selbständige sowohl dem Mittelalter wie der späteren Kunst sozusagen gegenüberstellen dürfen. Sie hat den Bruch mit der mittelalterlichen Art vollzogen, hat auch den Stil der neueren Zeit vorbereitet, aber diesen hat sie noch nicht ganz reif ausgebildet. So ist das Alte fort und das Neue noch nicht ganz da: jedoch jung und grün ist das Saatfeld.
Solche Einschätzung ist im allgemeinen richtig: wenn wir dann näher zusehen, finden wir, daß gerade dieses Jahrhundert schließlich doch nicht unter dem einen Begriff der Jugend zusammenzufassen ist. Die wahrhaft ungeheure Triebkraft, die damals das ganze künstlerische Leben erfüllte, hat sich wohl zunächst darin geäußert, daß nun einmal die grundsätzlich neuen Elemente gebracht wurden, aus denen die nächsten Jahrhunderte bis zur großen Katastrophe der Französischen Revolution in immer mehr komplizierten Permutationen und Entwicklungsreihen die sogenannte neuere Kunst hervorbrachten. Das fünfzehnte Jahrhundert hat aber auch, dank eben dieser großen Energie, selbst innerhalb des Stiles, durch den es sowohl von der mittelalterlichen wie von der Renaissance-, Barock- auch Rokokokunst getrennt wird, eine rasch wechselnde Entwicklung durchlaufen. Quattrocentomalerei ist freilich immer wieder Quattrocentomalerei, gleichviel ob ein Werk um 1430 oder um 1490 gemalt worden ist. Aber die Bilder der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts sehen doch ganz anders aus als die vom Ende. Es war ein weites Gebiet, das damals der Kunst neugewonnen worden ist. Die Meister, die an der Arbeit waren, haben zwar ihre besonderen, im Charakter der Zeit gelegenen Ziele verfolgt, dabei aber doch auch innerhalb des unendlich großen Terrains die Grenzen sehr weit hinausgeschoben, gewissermaßen der Zukunft vieles vorwegnehmend. Daher kommt die in alter Kunst besonders anerkennenswerte Vielseitigkeit und Wechselfähigkeit des Quattrocentostils. Das läßt sich endlich nicht nur beobachten, wenn man die gesamte europäische Malerei des fünfzehnten Jahrhunderts betrachtet, sondern gilt auch für die einzelnen Völker. Sogar die Niederländer, die doch damals einen sehr strenggefügten Stil ausgebildet hatten, zeigten sich höchst wandlungsfähig. Es gibt eine zwar nicht sehr große, aber immerhin nicht unbeträchtliche Anzahl von Meistern unter ihnen, die sich im allgemeinen so ähnlich sehen, daß sie bis vor kurzem immer wieder miteinander verwechselt wurden, und
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