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Schwestern wissen voneinander entweder alles oder gar nichts. Ich wußte von meiner Schwester Nina bis vor kurzem nichts. Sie ist zwölf Jahre jünger als ich, und sie war, als ich heiratete, ein unfreundliches, mageres Geschöpf von zehn Jahren, mit struppigen Zöpfen und unzähligen Schrammen an Armen und Beinen, das, stumm und blaß vor Zorn, auf meinen Brautschleier spuckte, als die Eltern es zwingen wollten, ihn bei meiner Flochzeit auf Pagenart zu tragen. Später wurde Nina ansehnlicher, doch nie hübsch und liebenswürdig. Ich habe mich nie um sie gekümmert, nachdem sie mir mehrmals erklärt hatte, ich sollte sie gefälligst in Ruhe lassen. Als ich mit meinem Mann ins Ausland ging, verlor ich sie ganz und gar aus den Augen. Trotzdem erkannte ich sie sofort, als ich sie im vergangenen Jahr höchst unvermutet an einem Ort traf, an dem ich sie nie gesucht hätte: in der Bar des Hotels Römerbad in Badenweiler.
Sie hatte sich erstaunlich verändert. Hübsch war sie noch immer nicht, aber sie war reizvoll geworden. Freilich hatte sie noch immer etwas Unzivilisiertes an sich; man konnte nicht recht sehen, woran es lag, denn sie war sehr gut und teuer angezogen, sie hatte eine moderne Frisur, von der ihr ein paar dunkle wellige Strähnen in die Stirn hingen, und ihre Lippen waren rot gemalt. Sie sah gar nicht auffallend aus. Trotzdem schauten alle Männer nach ihr, auch mein eigener, der sie nicht mehr erkannte; ich verriet sie ihm nicht. Ich weiß nicht, warum ich nicht augenblicklich mit ihr sprach. Vielleicht, weil sie so ganz versunken und abweisend dasaß, allein an einem Tischchen, eine Zeitung in der Hand. Einmal sprach ein Mann sie an, aber sie gab ihm nicht einmal Antwort. Wenn jemand zur Tür hereinkam, blickte sie kurz auf, dann starrte sie, von einem zum andern Mal finsterer, wieder in ihre Zeitung. Es war aber immer dieselbe Seite, die sie ansah, stundenlang. Sie trank Whisky pur. Ich zählte fünf Gläser. Wieviel und was sie vorher getrunken hatte, weiß ich nicht. Als sie aufstand, um fortzugehen, hatte ich Angst, sie könnte schwanken. Aber sie schien völlig nüchtern zu sein. Sie sah ziemlich jung aus, fast wie ein Mädchen, obwohl sie schon siebenunddreißig war. Ich folgte ihr. Nina, rief ich, bist du es wirklich?
Sie mußte sich eine Weile besinnen, bis sie mich erkannte. Sie
zeigte wenig Überraschung.
Wieder in Deutschland? fragte sie trocken.