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SEIN LEBEN UND WERK
Lmedeo Modigliani wurde am 13. Juli 1884 in Livorno geboren. Über sein "Werk ist zunächst zu sagen, daß man ihm wegen seines Ästhetizis-mus und seiner als modisch empfundenen Bewunderung der Primitiven keine lange Lebensdauer zugetraut hatte. Das Gegenteil ist der Fall — heute hat das Werk Modiglianis eine eigenwillige Frische, wie sie viele andere Maler dieser Epoche längst nidit mehr für uns haben. Modigliani ging nadi Paris, weil ihn die jungen Impressionisten lockten mit ihren sozialen Themen, mit ihrer Liebe zu den kleinen Dingen des täglichen Lebens. Der Impressionismus ist ja nicht nur die Entdeckung des Lichts, der hellen sommerlichen Landschaft und die Verbannung des Schattens, sondern mit ihm geht das natürliche einfache Sehen. Die Verlogenheit der allegorischen Themen wird aus der Malerei vertrieben; die Werke erhalten neue soziale Inhalte. Das entsprach dem sozialistischen Tenor in der verarmten Familie, aus der Modigliani stammt. Es ist ein eigenartiger Freiheitsrausdi, der in dem Werk dieses Italieners spürbar wird; diese Freiheit hat ihn erfüllt, letztlich aber auch sein Leben vernichtet. Modigliani stammt aus einer italienischen Familie, die in Livorno ein kleines Bankhaus betrieb. Seine Eltern waren keineswegs reich, und bei seiner Geburt war der Konkurs gerade im Gange. Die Jugend Amedeos war von Krankheit begleitet. Während eines lebenbedrohenden Fiebers versprach ihm seine Mutter, er könne die Sdiule verlassen und sidl als Maler ausbilden. Er hatte im
Fieberwahn plötzlich die Museen von Florenz zu sehen geglaubt, und seine Neigung, Maler zu werden, stand fest.
Als Zwanzigjähriger sdireibt er an einen Freund, Oscar Ghiglia: »Ich versuche mit der größten Klarheit über die Kunst und das Leben, wie ich sie vor den Schönheiten Roms vereinzelt erfahren habe, zu formulieren, und da ich auch die innere Verbindung erkannt habe, werde ich versuchen, dies zu offenbaren und die Struktur und gleichsam die metaphysische Architektur herauszustellen, um so meine Erkenntnis des Lebens, der Schönheit und der Kunst zu gestalten.« An anderer Stelle heißt es: »Wir haben andere Rechte als die übrigen, weil wir andere Bedürfnisse haben, die uns — es ist nötig, es zu sagen und es zu glauben — über ihre Moral erheben Deine wirkliche Pflicht ist. Deinen Traum zu retten.« Modigliani gehört mit diesen Gedanken einer Generation an, die Sinn für das launenhaft Phantastische der Boheme hatte, die — wie er es später tat — ihre Jugend zwischen Montmartre und Montparnasse verschwendete. Die verzweifelte Selbstzerstörung, die Modigliani langsam vernichtete, hatte ihren tieferen Grund darin, daß er jener Selbstmördergeneration des »fin de siecle« angehörte. Er suchte daneben nach Stimulanz, die die Persönlichkeit steigerte — den Alkohol, das Rauschgift hielt er zur Erhöhung seiner Erlebniskraft für notwendig. — Baudelaire spridit von einem »Zustand der Gnade«.
Modigliani schreibt: »Der Mensch, der nicht aus eigener Kraft ständig neue Wünsche und gleichsam neue Individuen zu erzeugen vermag, um mit deren Hilfe alles Alte und Verweste zu bekämpfen, ist ein Spießer, ein Krämer, was Du willst.«
Mit 19 Jahren kam Modigliani auf eine Malschule nach Venedig und errang dort hintereinander mehrere erste Preise. Danach tat er den entscheidenden Schritt seines Lebens und ging nach Frankreich. Als er 1906 in Paris ankam, hatten Juan Gris und Severini den gleichen Weg gesucht, und Matisse kaufte die ersten Negerplastiken seiner später großen Sammlung. Der Kubismus wird gerade in einigen Salons angezeigt. Modigliani lehnt es aber ab, das »Futuristische Manifest« zu unterzeichnen, in welchem die Bewunderung alter Bilder, alter Plastiken, die »vermottet und verstaubt und von der Zeit zerfressen« sind, verdammt wird. Modigliani sudit die Darstellung des Mensdien im Gegensatz zur Auflösung der Form, wie sie seine Zeitgenossen versuchen. Aber auch hier weiß man, daß von ihm Neues gestaltet wurde, mit um die Jahrhundertwende vollkommen neuen Formen, die diese Zeit geistig, psychisch in uns anklingen lassen. Es ist eine eigenartige Übersteigerung zarter Sinnlichkeit, die in dieser Form noch niemand vor ihm versucht hatte. Wenn er später aber die Bilder seiner geliebten italienischen Meister, wie Peruginos, Botticellis, Correggios und Tizians, sah, soll er gesagt haben: »Das liebte ich, als ich ein Spießbürger war, der keine Ahnung hatte.«
Man hat geglaubt, Modigliani als einen Erben Botticellis im Gewand des »fin de siecle« und der »fauves« einordnen zu können; aber das stimmt nur sehr bedingt. Gewiß hat man die Geschlossenheit, Scham-haftigkeit und Eleganz seiner Bilder nicht mit Unrecht mit Botticelli verglichen und gefeiert. Man hat auch seine Eigenart in seiner jüdischen Abstammung zu finden geglaubt, wie etwa bei Chagall oder Soutine. Vollkommen abwegig ist die Ansicht, in den Augen seiner Modelle eine Art Erstarrung nach dem Genuß des Rauschgiftes lesen zu wollen. In diesen ersten Jahren in Paris schätzte man die Schönheit der archaischen Skulpturen der alten Griechen plötzlich sehr hoch. Es war der Bildhauer Elie Nadelmann, der damals in Paris ausstellte. Adolphe Basler erzählte, daß die Negerskulptur damals in Paris in der gleichen Weise die französische Plastik befruchtet habe, wie früher der japa-