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SEIN LEBEN UND WERK
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V^eit der holländisdie Maler Piet Mondrian am 1. Februar 1944 einundsiebzigjährig in New York starb, ist ihm ein Platz unter den vier oder fünf einflußreidisten Meistern der Malerei unserer Zeit zuerkannt worden; doch untersdieidet er sich von diesen. In einer Zeit der Krisen und Gewalttätigkeiten bleibt sein Blick ruhig, klar und beständig. Immer dringlidier sprechen uns seine Bilder von Ordnung, Raum und kontinuier-lidiem Rhythmus — in einer Periode sozialer imd persönlicher Unordnung und Zerrissenheit. Allerdings scheinen seine späteren Arbeiten Werte zu bestätigen, die sidi eher in der modernen Ar-diitektur und Stadtplanung, im technisdien und industriellen Entwurf finden lassen als in der modernen Malerei: doch das ist gewiß keine Schwädie. Im Gegenteil ist es genau das, was Mondrian zu sehen wünsdite: die Entwicklung der Kontinuität und Ganzheit in der menschlichen Umwelt, die Entwicklung der Vervollkommnung der Einheit unter den Mensdien im modernen Leben.
Warum war er dann aber nidit selbst ein Baumeister und Stadtplaner? Vermutlich wäre er es in einer anderen Generation gewesen. Freilich wäre für ihn die Ardiitektur eine Spradie gewesen, um Bedürfnisse, Gefühle und Zwecke des Menschen wiederzugeben. Audi die Malerei war für ihn eine Sprache. Sie war ein folgerichtiges Mittel, zu denken und zu fühlen und das aus-zudrüdten, was er dadite und fühlte — nidit in Bauwerken, sondern in Farben und auf Leinwand. Ich glaube nidit, daß irgendein anderer moderner Maler so klar, so tief und konsequent gearbeitet hat wie Mondrian. Und idi halte es für geredit, hinzuzufügen, daß, während uns andere Maler reidilidi mit andern Dingen be-sdienkt haben, keiner zu einem so konstruktiven Gesichtspunkt gelangt ist.
Mondrians Bilder stellen in der Tat einen Fort-
schritt dar. Seine frühen Arbeiten stammen unmittelbar aus seiner engen Verbindung mit der Natur. Dagegen spredien uns seine späteren Bilder von dem Maler, der in die Stadt und in ihre mensdilichen Probleme und Bedingungen einbegriffen ist. Zwischen diesen beiden Polen vollzieht sich eine stete Entwicklung. Es ist eine Entwiddung in die Breite und Tiefe, die einem Mensdien widerfährt, der, von den Menschen geschieden, als einsamer Landsdiaftsmaler begarm und sdiließ-lidi dazu gelangte, an moderne Städte zu glauben. Es gelang ihm, EinbUck zu gewinnen in die strukturelle Einheit des Mensdien, in das Aufblühen des menschlichen Willens zu konstruktiver Vervollkommnung und Ganzheit, die des Menschen natürlidies Sdiidisal in der Weh ist.
Während der langen Jahre seines Werdegangs lebte er arm, einfadi und ohne öffentlidie Anerkennung; aber seine Ehrlidikeit und Treue zu seinem Werk und sein Mut in der Verfolgung der darin einbegriffenen Richtung erlahmten nie. Nodi während seiner Lebzeiten wurden sein Einfluß und Beispiel weithin bestimmend, und er sah sidi im tiefsten gerechtfertigt und ermutigt. Obgleidi in all den Jahren seine Bilder ganz allmählidi von Landsdiaften imd Seestüdsen zu Stadtschilderungen — das heißt, vom Naturahsmus bis zu einer Art konstruierter Malerei, die der modernen Stadtardiitektur näher lag — hinüberwediselte, läßt sich in Mondrians stetig wachsender Entwidt-lung kein Bruch feststellen. Er, der als Einsamer in der Natur begonnen hatte, gelangte schließlich dahin, die Straßen, die Bewegung, das Volk, die Liditer, die »heiße« Musik und den Tanz ebenso zu lieben, wie er die ruhelosen, rhythmisdien Wellen, den Strand und die näditlichen Sterne geliebt hatte. Denn für Mondrian sind sie im wesentlichen ein und dasselbe. Sie gehordien demselben Prinzip. Eine Milhon getrennter Lebenskräfte wirken zusammen, um ein lebendiges Ganzes zu gestalten. In einer modernen Stadt mit ihrer Industrie und Spezialisierung hat sich aus einer Million getrennter und vitaler mensdüidier Einzelwesen ein Ganzes geformt. Jedes dieser Einzelwesen bildet im Leben sowie in der Tätigkeit einen Sonderfall, eine einzige geheiligte Vitalität, die sich bewegt, schafft, sich entwickelt — zwar für sich allein, aber abhängig von der Gesamtheit. Veransdiaulichen nun Mondrians Bilder die Stadt in ihrer »Existenz«? Die Bilder beantworten diese Frage selbst; sie sind licht, offen, geräumig. Ihr Lineament, ihre Bewegungen strahlen hinaus in den Raum und fördern Großzügigkeit, Ordnung und Maß. Bei diesem Fortsdireiten vom Landsdiaftsbild und Seestück zur Bestätigung mensdilidier Ganzheit und Vervollkommnung in der Stadt bilden Mondrians Schöpfungen tatsädilidi nur die zurückgelassenen Merkzeichen einer Reise, die im wesentlichen vom Mensdien zurüdt-gelegt wurde. Hier müssen wir erkennen, daß es ein großer Irrtum wäre, wenn wir sein Werk — so objektiv bedeutungsvoll und leidit lesbar es ist — lediglidi als Mittel seines Gedankens und seiner Lehre ansähen, ohne in Redmung zu stellen, wie außerordentlich tief, beharrlich und ernsthaft er sich in das, was er tat, versenkte. Die Bedeutung der Bilder Mondrians liegt darin, daß er an zwei Ebenen festhielt: die Tätigkeit des Malens war in seinen Händen ein Mittel objektiven Denkens, das indessen nicht nur den Gedanken selbst, sondern das Ganze seines Wesens enthielt.
Tatsächlich bewegte er sich im Sinne dieses Zwiegesprädis weiter auf seinem Wege. In seinen frühen Bildern ging er in der Bewegung der Meereswellen, des Windes über den Dünen oder der winterlich kahlen Äste eines Apfelbaumes vor dem Himmel völlig auf. Indem er Gemälde oder Zeidinungen sdiuf, fühlte er budistäblidi mit seinen Händen die Rhythmen dieser Kräfte, ihre aus Veränderung und Wider-