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Vorwort
Eine der amüsantesten Unterstellungen, die im Vorfeld des Mozart-Jahres 1991 auch auf dem Buchmarkt publiziert werden, ist die, Mozart habe das große und weitverzweigte Lebenswerk, das er bei seinem Tod am 5. Dezember 1791 hinterlassen hat, gar nicht selbst oder zumindest nicht allein schaffen können. Ein Leben, zumal eines, das kaum 36 Jahre währte, reiche dazu nicht aus. Die rigorose Schlußfolgerung aus solcher Vermutung wäre die Frage, ob es Mozart - so, wie wir ihn zu kennen glauben - überhaupt gegeben hat. Und da sind wir - sicher nicht zufällig - in der Nähe Shakespeares oder auch - man möge mir diesen Bezug vergeben - in der des Jesus von Nazareth.
Es fällt den Nachgeborenen immer noch und immer wieder schwer, das Unbegreifliche eines derartigen Lebens und Schaffens in die Kategorien der üblichen Verständnismöglichkeiten zu integrieren. Jede Generation entdeckt für sich neue Zugänge, neue Perspektiven. Und gerade die moderne Psychologie, die Sexual- und die medizinische Wissenschaft, sogar die Kriminologie, tischen immer wieder Analysen und Deutungen auf, die überkommene Betrachtungsweisen zu Fall bringen, zumindest beunruhigen.
Aber wie sollte es anders sein? Wie sollte die Unruhe, die Mozarts kurzes Leben seit seiner Kindheit antrieb, sich nicht fortsetzen und übertragen dürfen auf die, die zweihundert Jahre nach seinem Tode den Geheimnissen seines irdischen Lebens nachspüren? Dabei ist nur zu hoffen und vor allem auch zu fordern, daß diese Unruhe nicht eine Feststellung biographischer Untersuchungen bleibt, sondern das Verständnis und die Interpretation seiner Werke von neuem und ganz erfaßt. Das Thema 1991 sollte der Unruhestifter Mozart sein, der ruhelos Suchende nach Erfüllung und Perfektion.
Dafür provozierte er oft und vehement. Daß er zugleich kein Bilderstürmer war, kein Revoluzzer, kein Avantgardist nach heutiger Mode - gerade das irritiert gegenwärtig die Deuter auf allen Seiten. Es fällt uns schwer zuzugestehen, daß jemand der Welt und der Musik (das bedeutete ihm eins) einen neuen Sinn gab, ohne deren Traditionen zu negieren oder auf den Kopf zu stellen. Alles, was Mozart schuf, war auf bestürzende Weise neu. Es stand aber zugleich in der Kontinuität der Gnade musikalischer Eingebung, mit der die Menschenwelt einen neuen Klang erhielt. So wurde Mozart zum Scheide- und Scheitelpunkt vieler Entdeckungen, indem er aufhob, was vorher war, und vorbereitete, was folgen sollte.
Jede Form, jede Gattung, der sich Mozart als Komponist zuwandte, schöpfte er aus und erschöpfte sich in ihr: Ob es das symphonische Ouvre ist, die Kammermusik, alle damals erdenkbaren Varianten der Unterhaltung, die Kirchenmusik oder die Oper, in der sich das Universum seines Genies erfüllte.
Von Bastien und Bastienne und La finta giardiniera über Die Entßhrung aus dem Serail, Le Nozze dt Figaro, Don Giovanni, Cosifan tutte bis zur Zauberflöte hat Mozart die Idee und den Beweis eines Musiktheaters entwickelt, das noch immer als Kulmination einer vorher und später nie wieder erreichten Identität von Musik und Szene, von Spiel und Wahrheit, von Spaß und drohendem Ernst gilt und die ihre Mitte, ihr Mittel findet im Menschen, der, von Mozart prägnant beobachtet und analysiert, durch das Singen, durch szenisches Musizieren seine Gestalt annimmt. Solch ein Musiktheater schafft dem hörenden Zuschauer das Klangbild von einer Welt, die sich endlich und eigentlich nur in uns selbst, in unserer Phantasie ereignet. Solch eine augenblicksbestimmte Reinkarnation machte die Realität seiner Kunst aus.
Da ist Mozart Partner und Antipode Shakespeares: Die ganze Welt wird in den Mikrokosmos einer Aufführung gebannt und erschließt sich durch sie. Aber des Grafen Almaviva Contessa, perdono