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Kenneth J. Dover - Propyläen Geschichte der Literatur I-VI [antikvár]

Propyläen Geschichte der Literatur I-VI [antikvár]

Kenneth J. Dover, Kurt Raaflaub, Walter Burkert

 
Walter Burkert Mythos und MythologieWesen und FunktionMythos - latinisiert )Mythus - ist mindestens seit den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts wieder respektabel geworden und im Gespräch geblieben, ohne jedoch die alte Zweideutigkeit, die ihm anhaftet, loszuwerden: Ein Mythos ist unlogisch, unwahrscheinlich oder unmöglich, vielleicht unmoralisch und aufjeden Fall verkehrt, zugleich aber zwingend, faszinierend, tief und ehrwürdig, wenn nicht gar heilig. Je nach emanzipatorischer oder nostalgischer Tendenz wird aufgerafen, einen Mythos als...
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Walter Burkert Mythos und MythologieWesen und FunktionMythos - latinisiert )Mythus - ist mindestens seit den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts wieder respektabel geworden und im Gespräch geblieben, ohne jedoch die alte Zweideutigkeit, die ihm anhaftet, loszuwerden: Ein Mythos ist unlogisch, unwahrscheinlich oder unmöglich, vielleicht unmoralisch und aufjeden Fall verkehrt, zugleich aber zwingend, faszinierend, tief und ehrwürdig, wenn nicht gar heilig. Je nach emanzipatorischer oder nostalgischer Tendenz wird aufgerafen, einen Mythos als Vorurteil zu durchschauen und so zu überwinden oder aber zurückzufinden zur Verbindlichkeit eines ursprünglichen Vorwissens.Daß eine kulturelle Tradition von ihren Mythen mit getragen wird, ist Aufgabe und Ergebnis wissenschaftlicher Forschung seit den Zeiten Johann Gottfried Herders (einen wichtigen Anstoß gab Christian Gottlob Heyne - vgl. Otto Gruppe, Geschichte der Klassischen Mythologie und Religionsgeschichte, 1921,109-112). >Mythologie< bezeichnet dabei ebenso Sammlung und System der Mythen eines Volkes wie die mit ihrer Deutung befaßte Wissenschaft. Die Ethnologie hat >Mythologien aller Völkeri zusammengetragen (vgl. John Arnold MacCulloch, Louis H. Gray; Alexander Eliot; Pierre Grimal; G.W. Haussig). Für die Menschheitsgeschichte wurde oft ein !mythisches Zeitalter<, gekennzeichnet durch ein besonderes >mythisches Bewußtsein<, als notwendiges Stadium der Entwicklung angenommen. Daß bei alledem stets die altgriechische Bezeichnung verwendet wird, eben >mythos<, ist mehr als ein Zufall. In der antiken -vorchristlichen - Kultur ist die Macht der Mythen in der Tat fast einzigartig; Sie beherrschen Dichtung und Bildkunst, selbst Religion drückt sich vorzugsweise inihnen aus, und die Philosophie ist ihnen nie ganz entwachsen. Aber auch in der Politik werden sie als gegeben und wirksam vorausgesetzt, sie verleihen großen Familien ihr Prestige und bestimmen ein gut Teil des Selbstverständnisses des kleinen Mannes. Und da die griechische Kultur nicht als Rechtsnorm oder kraft einer OfFenbarungsschrift, sondern vor allem als Kunstform überlegen und durchsetzungsstark war, ist überall in ihrem Strahlungsbereich die >klassische< Mythologie anzutreften, und sei es zuletzt nur noch als Bildungsresiduum: Man muß doch wissen, was ein )Chaos< oder ein >Augiasstall( ist, eine >Achillesferse( oder ein !Trojanisches Pferd(.Mythologie tritt seit langem vorzugsweise in Gestalt des Handbuchs auf, das eine verwirrende Fülle von Namen an kuriosen Handlungsfaden aufreiht und von der Lebendigkeit des Mythos nicht mehr bewahren kann als ein Herbarium vom Saft und Duft der Pflanzen. Wo und in welcher Gestalt der lebendige Mythos anzutreffen ist, darüber freilich besteht keine einmütige Meinung. Mythos als Mode legt eher moderne Mißverständnisse nahe, vor allem dieses, Mythos sei vorzugsweise in irrationalen Tiefen oder Tabuzonen jenseits der Sprache angesiedelt - banaler: Nur besonders Primitives sei )mythisch<. In Wahrheit hat Mythos mit Mystik nichts zu tun. Das griechische Wort >mythos< heißt !Rede, Erzählung, Konzeption<. Zum Terminus jedoch wurde es in der griechischen Aufklärungszeit als Dialektwort, um aus der Distanz die alten Erzählungen zu bezeichnen, die nicht vrirk-lich ernst zu nehmen waren. Trotzdem entfaltet sich der Mythos in einer durchaus erwachsenen und reifen Hochkultur.Mythen sind - und dies ist fiindamental - traditionelle Erzählungen. Insoweit ist Mythologie ein Teilbereich der allgemeinen Erzählforschung. Schwierig ist nur, die Mythen im !echten( Sinne auszugrenzen12 Walter Burkertaus der Fülle vorhandener Erzähltypen. Ein Mythos kann wie ein Märchen erzählt werden und unterscheidet sich doch darin, daß er im Normalfall nicht um seiner selbst willen und schon gar nicht vorwiegend für Kinder erzählt wird; Mythos ist Volkserzählung und doch der individuellen Gestaltung zugänglich, ja im Griechischen Inhalt klassischer Dichtung von höchstem Niveau; Mythos deckt sich teilweise mit Sage, und doch ist fraglich, ob ein historischer Kern< sich ausschälen läßt.Zwei Definitionen des Mythos haben sich in gewissen Grenzen als brauchbar erwiesen, ohne grundsätzlicher Kritik (Geoffrey S. Kirk, 1970,1-41) entzogen zu sein: Mythos sei Erzählung von Göttern und Heroen (vgl. Joseph Fontenrose, 1966) oder aber Erzählung vom Urspmng der Welt und ihrer Einrichtungen einmal in jener Zeit (vgl. Mircea Eliade, 1953; Raffaele Pettazzoni, Paideuma 4, 1950, 1-10; William R. Bas-comijournal of American Folklore 78,1965,4). Beide Definitionen sind zumindest für den griechischen Befund zu eng, erst recht die noch weiter einschränkende, Mythos sei grundsätzlich >heilige<, sakralisierte Erzählung. Die einzelnen Erzählungen respektieren die von der Theorie gezogenen Grenzen kaum und treten wechselnd als )echte< Mythen, als Märchen, Sagen, Legenden oder Schwänkc auf und sind doch auch in dieser Form durchaus bedeutsam. Darum empfiehlt sich, die Besonderheit des Mythos nicht im Inhalt, sondern in der Funktion zu suchen. Einen Fingerzeig geben die in Mythen so zahlreich auftretenden Namen, von denen zumindest ein Teil eindeutig auf einst real existierende Familien, Stämme und Städte, auf Heiligtümer, Götterfeste und Heroengräber verweist: Mythos ist angewandte Erzählung (Walter Burkert, 1979,22-26), Erzählung als Verbalisierung komplexer, überindividueller, kollektiv wichtiger Gegebenheiten. In diesem Sinne ist Mythos begründend -ohne daß darum explizit von Urzeit die Rede sein muß - als Charta( von Institutionen, Erläuterung von Ritualen, Präzendenzfall für Zaubersprüche, Entwurf von Familien- und Stammesansprüchen und überhaupt als wegweisende Orientierung in dieser und der jenseitigen Welt. Mythos in diesem Sinne existiert nie )rein< in sich, sondem zielt auf Wirklichkeit; Mythos ist gleichsam eine Metapher auf dem Niveau der Erzählung. Ernst und Würde des Mythos stammen von dieser >Anwendung<: Ein Komplex traditioneller Erzählungen liefert das primäre Mittel, Wirklichkeitserfahrung und -entvrarf zu gliedern und in Worte zu fassen, mitzuteilen und zu bewältigen, die Gegenwart an Vergangenes zu binden und zugleich die Zukunftserwartungen zu kanalisieren. Mythos ist Wissen in Geschichten (vgl. Wilhelm Schapp, 1976). Besondersin der archaischen Kultur der Griechen war solches Wissen fundamental.Kurzschlüssig indes ist die Annahme, ein Mythos sei aus seiner > Anwendungi unmittelbar und restlos zu entschlüsseln, als sei er Widerspiegelung oder transformiertes Abbild einer bestimmten Realität. Erzählung ist eine sprachliche Form, die in ihrem charakteristischen Nacheinander von der Linearität der menschlichen Sprache bestimmt und in ihrer Dynamik von der Typik menschlichen Erlebens getragen ist. Die traditionelle Erzählung ist im Prozeß des Hörens und Wiedererzählens stets als Sprachgestalt vorgegeben und kann nur in standardisierter Gestalt überleben. Mythos ist insofern eine Synthesis a priori. Die ) Anwendung<, der Bezug zur Realität, ist sekundär und meist nur partiell treffend: Die Erzählung hat ihren )Eigen-Sinn<.Erzählungen lassen sich bekanntlich wiedergeben, ohne daß ein fester Text zu memorieren ist. Im )Mit-gehen< des Hörers werden die Situationen und Hand-lungsbögen intuitiv erfaßt. Erzählen und Erleben sind offenbar in besonderer Weise aufeinander abgestimmt. Dies bedeutet, daß auch ein Mythos, qua Erzählung, nicht als fester Text gegeben und nicht an bestimmte literarische Formen gebunden ist: Er kann kunstvoll entfaltet oder aufs dürrste Résumé komprimiert werden, kann in Prosa, Gedicht und Lied erscheinen; er kann, ohne seine Identität zu verlieren, selbst Sprachgrenzen überschreiten. Allerdings treten, wie bei anderen Erzähltypen, vielerlei Varianten auf, die vielleicht gemeinsam erst seine Sinnfulle konstituieren (vgl. Claude Lévi-Strauss, 1958, 240). Mythen sind Sinnstrukturen.Der Erforscher der antiken Mythologie allerdings steht vor dem Problem, daß ihm nur schriftliche Texte vorliegen, vorzugsweise jene Texte, die als >klassische< Dichtung ausgesondert wurden und darum erhalten blieben. Zwischen den Texten individueller Autoren bestehen literarisce Beziehungen, bewußte Bezugnahmen in Nachahmung, Variation, Distanzierung. Läßt sich antike Mythologie somit auf Literaturgeschichte reduzieren: Der Mythos als Dichtung.? (Ernst Howald, Der Mythos als Dichtung, Leipzig O.J.). Mündlichkeit, wie sie von der allgemeinen Erzählforschung vorausgesetzt wird, läßt sich für die ferne Vergangenheit nie direkt nachweisen. Doch gibt es immerhin Indizien, die zwingen, über das bloß Literarische hinauszugehen und mit einer mündlichen Lebendigkeit auch des antiken Mythos fest zu rechnen. Wenn etwa korinthische Töpfer den von ihnen gemalten Sagenbildern die Heroennamen im lokalen Dialekt beischreiben, beweist dies, daß sie in ihrer Alltagssprache und nicht in homerischen Versen von

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Cím: Propyläen Geschichte der Literatur I-VI [antikvár]
Szerző: Kenneth J. Dover , Kurt Raaflaub Walter Burkert
Kiadó: Propyläen Verlag
Kötés: Ragasztott kemény kötés
ISBN: 3549057113
Méret: 170 mm x 240 mm
Kenneth J. Dover művei
Kurt Raaflaub művei
Walter Burkert művei
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