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EINLEITUNGWenn wir das Wissen im allgemeinen als etwas betrachten, das Wert und Würde hat, so unterscheidet sich doch eine Art des Wissens von anderen einerseits durch den Grad seiner Gewißheit und andererseits dadurch, daß es Wertvolleres und Interessanteres zum Gegenstand hat. Um beider Vorzüge willen müssen wir die Seelenforschung mit an erste Stelle setzen. Es macht den Eindruck, als ob die Seelenlehre zum Fortschritt jeglicher Forschung, besonders aber zum Verständnis der Natur, sehr viel beitrüge. Ist doch die Seele so etwas wie das Prinzip allen Lebens . . . Eine zutreffende Vorstellung vom Wesen der Seele zu erlangen, gehört aber zu den allerschwierigsten Aufgaben. Mit diesen Worten beginnt das erste und zugleich wichtigste Lehrbuch der Psychologie, die Schrift ^epl 'H'^X^ (>deanima<) des etwa fünfundfünfzigj ährigen Aristoteles (384322 v. Chr.). Diese Bemerkung ist nicht weniger richtig als die beiden Worte aus dem Epilog der spekulativen Periode unseres Faches, die beide von Männern geprägt wurden, welche den Blick der Psychologie in bedeutungsvoller Weise schärften; das eine findet sich in F. Nietzsches >Götzendämmerung< (1888): Müßiggang ist aller Psychologie Anfang. Wie? Wäre Psychologie ein Laster? Das andere stammt aus dem Briefe, mit dem W. James (1890) nach zwölfjähriger Arbeit das Manuskript der >Prin-ciples of Psychology< an seinen Verleger sandte: Nasty little subject all one cares to know lies outside. Die verkürzte Fassung seines Lehrbuches (1892) klang mit den Worten aus: Das ist noch keine Wissenschaft, sondern nur die Hoffnung auf eine Wissenschaft Im Augenblick befindet sich die Psychologie in dem Zustand der Physik vor Galilei . . . und der Chemie vor Lavoisier In der Zwischenzeit bis zum Auftreten solcher Männer können wir dieses am ehesten dadurch erleichtern, daß wir des Dunkels eingedenk bleiben, in dem wir tappen, und daß wir niemals den vorläufigen und revisionsfähigen Charakter der naturwissenschaftlichen Hypothesen, mit denen wir arbeiten, aus dem Auge verlieren. In den seither vergangenen 65 Jahren sind so nüchterne Beschreibungen des Entwicklungsstandes der Psychologie selten geworden; es unterliegt jedoch keinem Zweifel, daß unsere Wissenschaft noch auf ihren Newton wartet oder sich mit mäßigem Geschick über diese Tatsache hinwegzutäuschen sucht. Auch dafür gibt es durchaus ernst zu nehmende Gründe, die