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WISCHEN dem Ende der Antiké und ihrer Wiedergeburt in der Renaissance liegen Jahrhunderte, die das menschliche Nachdenken immer wieder herausgefordert habén. Der junge Goethe pries Kunst und Geist des Mittelalters angesichts des Münsters in StraBburg. Der reife Goethe schrieb von den apokalyptischen Bildern, mit denen Dürer unser gesundes Hirn zerrütte. Als Epoche des finsteren Aberglaubens, der die Vernunft tötete, verabscheuten die Aufklárer das Mittelalter, als das groBe Sákulum einer echten religiösen Geborgenheit feiern es ihre Antipoden. I Welche Stimme ist die gültige? fl Diese zwölf Jahrhunderte zwischen Grieehentum und Humanismus sind von Wi' dersprüchen erfiillt, von Gegensátzen zerrissen. Mittelalter heiBt: innige Frömmigkeit vor Bildern und Altáren, demütiges Eingehen in die groBen, überwáltigenden Kirchen aus Stein. Es heiBt aber auch: Grausamkeit der Ketzerverfolgung, Willkür der Ritter/ fehden. Mittelalter ist Mystik und Kreuzzug, ist strenge Askese der Mönchsorden, ist aber auch Prunk und Ausschweifung; ist Aufschrei unter dem Würgegriff der Pest, ist die glanzvolle Herrlichkeit der Kaiserhöfe und der Stolz der stádtischen Bürger auf schwer erkámpfte Freiheiten, ist die vornehme Kultur der Ritter und Fürsten und die blutige Auflehnung ihrer báuerlichen Untertanen. Nur wenige Quellen erzáhlen direkt von jener Epoche. Chronisten überlieferten Namen und Tatén von Kaisern, Bischöfen und groBen Herren; wie unvollstándig bleibt das Bild. Aber da stehen in Dörfern und Stádten, auf Bergen, in Tálern, in der Einsamkeit der Wálder, an den Ufern der Ströme und den Küsten der Meere Bauwerke, vielgestaltig, türmereich, wechselnd nach GröBe und Form, einmal aus schweren Blök/ ken gefügt, dann wieder schwerelos in das Blau des Himmels aufsteigend, mit kost' lichen Bildern und Figuren gefüllt. In ihren Dienst stellten die Menschen damals ihre ganze Kraft, in ihnen verkörperten sie ihre Tráume, feierten sie ihre Erlösung von Sünde und Tod, setzten sie ihrer Frömmigkeit, ihrem Fühlen und Denken, ihrem Lebensverstándnis gewaltige Denkmale. Ihre Kirchen türmten diese Menschen in über^ menschlichen Proportionen auf, wáhrend sie selbst in kleinen Háusern bescheiden leb' ten.Vordergründig betrachtet nur Geháuse der kultischen Handlungen zu Ehren Got/ tes, sagen uns die Kirchen des Mittelalters tatsáchlich vieles über die Beziehungen der Menschen zum Leben, dem irdischen wie dem verheiBenen im Jenseits.