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Einleitung: Sigmund Freuds Lebensgeschichte und die Anfänge der Psychoanalyse
»Mit Absidrt habe idi meine Person immer nur als
Exempel vorangestellt, nie als ModelL gesdiweige
denn als Venerabile.«'
I. Das biographische Interesse an Freud und die Bedeutung der Selbstanalyse
Sdion zu Lebzeiten Sigmund Freuds gab es neben der Auseinandersetzung mit den psychoanalytischen Lehren ein Interesse für seine persönliche Geschichte. Es ist zu vermuten, daß ein solches Interesse auch noch in jenen Generationen fortlebt, die sich heute mit Freuds Oeuvre als dem objektivierten Werk beschäftigen, hinter dem die Figur des Autors zu verblassen beginnt. Ist dieses Interesse berechtigt? — Auf den Begründer der Psychoanalyse gerichtet, läl2t sich das biographische Fragen jedenfalls nicht einfach als sensationslüsterne Neugier oder romantisierender Geniekult abtun. Vielmehr kann es von durchaus ernst zu nehmenden Motiven in Gang gesetzt sein, deren Herkunft in der Entstehungsgeschichte des Freudschen Werkes sowie in der spezifischen Strukmr der psychoanalytischen Verfahrensweise zu suchen ist.
Ungeachtet aller seit Freuds Tod gelungenen Modifikationen und Ergänzungen in Theorie, Krankheitslehre und Behandlungstechnik, ist die Psychoanalyse noch immer in einer in der Wissenschaftsgeschichte wohl einmaligen Ausschließlichkeit die Leistung eines Mannes. Und sie verdankt ihren Anfang einer ebenfalls singulären Gleichzeitigkeit und Wechselwirkung von persönlicher und wissenschaftlicher Krise. Wer die Schwere der Entdeckungsarbeit Freuds im Gedächtnis behalten will, wird immer wieder den mühsamen Versuch machen müssen, sich jene Schlüsselsimation am Beginn der Psychoanalyse zu vergegenwärtigen, in deren notwendig bruchstückhafter Rekonstruktion das biographische Interesse buchstäblich zum wissenschaftsgeschichtlichen wird und vice versa.
Mühsam ist dieser Versuch, weil es heutzutage, da psychoanalytische Vorstellungen, umgangssprachlich vermittelt, das Alltagsleben zu prägen anfangen, selbst außerhalb der Fachkreise
> Aus einem Brief Freuds an Oskar PBster vom 10. Mai 1909. (Freud, 1963, S. 20. Für detaillierte Literaturangaben vgl. die Bibliographie am Schluß dieses Bandes.)