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Vorwort
»Denk mal scharf nach. Wann hast du es zuletzt noch gehabt?« sagen wir zu der verzweifelten Freundin, die ihre Handtasche öffnet und feststellt, daß irgend etwas fehlt, irgend etwas Alltägliches und Unentbehrliches: Brille, Geldbörse, Führerschein. Wenn wir geduldig sind, gehen wir mit ihr den Tag durch-»Im Bus muß ich es noch gehabt haben, weil Nach dem Lunch, beim Bezahlen, habe ich es bestimmt noch gesehen « Wenn wir energisch sind, begleiten wir sie, während sie alle Wege noch einmal zurückgeht, zur Strumpfabteilung im Warenhaus, in die Telefonzelle, ins Sprechzimmer des Arztes, ihr Tag rollt vor unseren Augen ab wie ein Film, der zurückgespult wird, so daß der Taucher aus dem Wasser hechtet und auf dem Sprungbrett landet.
»Wann hast du es zuletzt noch gehabt?« beschwört der Autor die verstörte Heldin, die im Handtäschchen ihrer Erinnerung kramt, vergeblich nach etwas sucht, nach dem alltäglichen, unentbehrlichen Selbst, das ihr abhanden gekommen ist. Es handelt sich um einen Fall von Identitätsverlust. Autor und Leser begleiten die Heldin gemeinsam ihren Lebensweg zurück, bleiben von Zeit zu Zeit stehen und fragen sie: »War es hier? Hast du es an dieser Stelle noch gehabt?« und argwöhnen trotz ihrer Beteuerungen, daß sie es womöglich schon bei ihrem Aufbruch am Morgen gar nicht bei sich hatte. Nicht nur Szenen und Personen werden noch einmal unter die Lupe genommen, sondern auch die verschiedenen Perspektiven - das persönliche »sie«, das unpersönliche »man«, das abstrakte, autobiographische »ich«. Sollte der Leser sich die Frage stellen: »Kann das alles ein und dieselbe Person sein?«-nun, genau das ist die Frage, vor der auch die Heldin und der Autor stehen. Denn die Beweisaufnahme ist nicht schlüssig: Wir kommen zu keinem Urteil, welche dieser Persönlichkeiten die »echte« ist; die ständige Anschrift des Selbst, der Wohnsitz der Seele sind im Buch nicht verzeichnet.
Mary McCarthy