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Mutters Courage
Eines Sommertages im Jahre 44, einem hervorragenden Erntejahr für den Tod, zog meine Mutter ihr gutes Schwarzes an, das mit dem Spitzenkragen und dem gelben Filzstern auf der linken Brust. Es war halb elf Uhr morgens und an der Zeit, sich für das tägliche Rommespiel bei ihrer Schwester Martha fertigzumachen. Sie setzte auch ihren guten schwarzen Hut auf, den mit Wachsblumen an der Krempe, und zog ein paar weiße Handschuhe an, die am linken Daumen geflickt waren. Ach ja, diese kleinlichen Bemühungen um Genauigkeit, aber Gott steckt im Detail, besonders an einem Tag voller Wunder.
Da stand sie nun, betrachtete sich im Spiegel mit ihren unvergleichlich blauen Augen, die ihr an jenem Tag das Leben retten sollten, und stieß einen Seufzer aus, wie es ihre Gewohnheit war. Es gab immer Anlässe zum Seufzen - Schulden, Masern, ein angebrannter Braten, die Abwesenheit ihrer beiden Söhne im Exil. Diesmal jedoch hatte sie einen triftigeren Grund zum Seufzen. Es ging um das »Loch« in ihrem Leben, wie sie es nannte: vor kurzem hatte man ihren Mann, der gleichzeitig mein Vater war, festgenommen, weil er war, was er war, ungläubiger Marxist und J ude, ein Mann zwischen den Stühlen sozusagen, mit einer Vorliebe für Kleist einerseits und einer Verachtung für preußische Pedanterie andererseits. Seine Lieblingsanekdote handelte von einer Parkbank in Berlin, auf der ein Emailleschild mit dem Wort »Bank« angebracht war, als ob man sie für einen Elefanten hätte halten können. Aber die Zeit für Scherze war inzwischen vorüber: seit sechs langen Wochen siechte er in einem Gefängnis dahin, das provisorisch in einer Mädchenschule untergebracht worden war. Unser Faschismus (nein, der ihrige!) war recht schäbig im Vergleich zum benachbarten Pomp: die Grünhemden der einheimischen Rohlinge waren schmierig am Kragen, ihre Stiefel ungewichst, und