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J. S. BACH, JOHANNES-PASSION
Die Johannespassion, so wie sie heute vorliegt und aufgeführt zu werden pflegt, ist das Ergebnis eiger zweifachen, von Bach selbst vorgenommenen Um-aibeltung. Sie wurde noch in Cöthen geschrieben mit der Aussicht einer Aufführung in Leiozig, die dann tatsächlich am Karfreitag 1723 unter Bachs Leitung dort erfolgte. Man muß annehmen, daß es mit der Fertigstellung sehr eilig gewesen ist, so eilig, dal3 Bach sich nicht einmal mit einem geeigneten Dichter in Verbindung setzen konnte, sondern auf eigene Hand unter Anlehnung an das gefeierte Passionsgedicht „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus" des Hamburger Ratsherrn Brockes die lyrischen Partien des Werkes zusammenstellte. Daher kommt es, daB gerade an dem Teile, der die Arien und ariosen Einlagen umfaßt, von Bach am meisten gefeilt worden ist und noch heute an ihm, gegenüber den entsprechenden Stücken der Matthäiispassion, gewisse Zeichen der Verlegenheit zu erkennen sind. An der Hand des Kustschen Vorworts im zwölften Bande der Bach-Ausgabe ist es leicht, sich die Urgestalt der Passion, wie sie bei der Erstaufführung in Leipzig erklang, zu vergegenwärtigen und sich zu überzeugen, daß Bachs letzte Bearbeitung
tatsächlich der inneren Geschlossenheit des Organismus nur förderlich wurde.
Sollte der Gegensatz umschrieben werden, in dem die Johannespassion zu der sechs Jahre jüngeren Matthäuspassion steht, so müßte bei einem Vergleich der beiden Evangelien, bei einer Untersuchung des tiefen Unterschiedes ihrer Passionsberichte begonnen werden. Indem Bach an die Fassung des Johannesevan-geliums anknüpfte, wurde er von selbst auf einen bestimmten geistigen Grundplan gewiesen, der sich ändern mußte, als er später die Matthäuspassion entwarf. Denn während diese in voller Breite auch die Abendmahl- und Jüngerszenen am -Olberg mit aufnimmt, beschränkt sich jene auf die Darstellung der eigentlichen Leidenstage und fängt da an, wo der erste Teil der Matthäuspassion aufhört. Schon damit ist von vornherein nicht nur eine ganz andere innere Entwicklung der Szenenfolge, sondern auch eine andere Färbung der Charaktere bedingt.
Über diese Verschiedenheit der äußeren Anlage hinweg hat Bach aber auch die beiden getrennten Geisteswelten der Evangelisten scharf herausgehoben. Matthäus ist der weicher empfindende, schonungsvoller berichtende, Johannes der feurigere, den die dramatische Einzel-
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E. E. 4453.