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Sie hatte einen merkwürdigen Traum gehabt. Sein Inhalt hatte sich verflüchtigt, aufgelöst im morgendlichen Sonnenlicht, das durch das Fenster strömte, aber die düster beklemmende Stimmung wirkte noch nach. Vor irgend etwas hatte sie große Angst gehabt, aber sie konnte sich nicht mehr erinnern, was es gewesen war. Vorahnungen? Ein Blick in die Zukunft?
Ach was, sagte sie sich, Träume sind Schäume. Kopfschüttelnd, wie um sich von den dunklen Schleiern zu befreien, setzte sie sich auf und glitt aus dem Bett. Ehe sie ins Badezimmer lief, trat sie zum Fenster, um einen Blick hinauszuwerfen. Schamhaft im Verborgenen bleibend, schob sie den Chintzvorhang zur Seite. Die Straße war belebt, wie es in dem verschlafenen kleinen Lucerne nur äußerst selten vorkam. Kutschen rollten vorüber, Pferde trabten mit klirrenden Eisen über das Kopfsteinpflaster, Kinder und Hunde jagten umher, ehrwürdige Herren in Gehrock und Zylinder bevölkerten die Bürgersteige. Aber keine Frauen waren zu sehen.
Stirnrunzelnd zog sich Samantha vom Fenster zurück. Die Frauen würden also nicht kommen
Bei ihrer Ankunft vor zwei Jahren hatten sich die Frauen von Lucerne gegen sie zusammengeschlossen. Sie hatten ihr Unterkunft verweigert und sie auf der Straße geschnitten. In jenen ersten einsamen Tagen war Samantha für die Frauen des Städtchens ein Objekt kalter Verachtung gewesen, für die Männer der Gegenstand frivoler Spekulation. Welche junge Frau setzte sich schließlich in einen Unterrichtsraum voller junger Männer und hörte sich mit ihnen gemeinsam Vorträge über Dinge an, die für die Ohren anständiger Frauen wahrhaftig nicht geeignet waren? Es war klar, daß Samantha Hargrave eine Bedrohung für die Moral der einheimischen Jugend darstellte.
Samantha hatte gehofft, diese Vorurteile und Ängste hätten sich im Verlauf der vergangenen zwei Jahre gelegt. Wenn aber die Frauen auch der Abschlußfeier an diesem Tag fernblieben, so konnte das nur bedeuten, daß sie an ihrer Mißbilligung Samanthas festhielten. Tief getroffen, aber entschlossen, sich durch den Boykott den Tag nicht verderben zu lassen, holte Samantha Hargrave einmal tief Atem und begann mit der Morgentoilette.
Nachdem sie Wasser aus dem Porzellankrug in die Schüssel gegossen
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