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DER UNBEKANNTE FONTANEVor einigen Jahren ging bei einer großen Tageszeitung ein Briefein, der den Kulturredakteur nicht nur überraschte, ja eigentlichbestürzte, sondern ihn auch zu verweilendem Nachdenken über dieProblematik der Aneignung unseres nationalen literarischen Erbesbewog. Der Absender des Briefes hatte den Roman ,,Irrungen,Wirrungen64 von Theodor Fontane gelesen und wandte sich nachder von ihm als ärgerniserregend empfundenen Lektüre in tragi-komischer Verirrung entrüstet gegen den Autor, weil dieser, stattmit dem Briefschreiber die Bombentrümmer der Großstadt, in derer wohnte, wegräumen zu helfen, vermeintlicherweise irgendwomüßig herumsitze und ,,mit bürgerlicher Ideologie beladen",wie es in dem Brief hieß das wilhelminische Kaiserreich mitseinen Offizieren verherrliche. Gebe es denn keine Möglichkeit, sofragte der empörte Leser seine Zeitung, diesem Theodor Fontanedas unnütze Handwerk zu legen, ja ihm einfach zu verbieten, der-artige antidemokratische Machwerke zu verfassen . . . ?Der Redakteur, der erst meinte, seinen Augen nicht trauen zukönnen wie er einen Augenblick lang auch an einen etwasgesuchten Scherz dachte , mußte dann doch erkennen, daß er esmit einer recht ernsten Sache zu tun hatte. Ein Arbeiter, an dessenfestem Willen, beim Wiederaufbau unseres schwergetroffenenLandes mit aller Kraft mitzuhelfen, ebensowenig zu zweifeln warwie an seiner ehrlichen Absicht, literarischen Einflüssen gegenüber,die der jungen Demokratie schaden könnten, wachsam zu sein, hattebei der Lektüre von ,,Irrungen, Wirrungen46, dieser Liebesgeschichteeiner jungen proletarischen Plätterin mit einem adligen Leutnant,die Vorstellung gewonnen, daß es sich um ein erst jüngst entstan-denes reaktionäres Buch handele. Er kannte also Theodor Fontanenicht, einen Schriftsteller, der zu den bedeutendsten bürgerlichenRealisten der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts gehört,und meinte, er habe es mit einem zeitgenössischen Autor zu tun.S