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Tizian ist für die Malerei der Neuzeit von so entscheidender Bedeutung JL JL / • J. ill 1 i wie kaum ein anderer Künstler. Von seiner Kunst nehmen die Maler, sei es unmittelbar oder mittelbar, bis in unsere Tage. Sein umfassendes Genie eröffnete ihm im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung Möglichkeiten, die für die Malerei bis dahin kaum bekannt waren und die für alle nachfolgenden Generationen Bei deutung hatten. Jedoch verharrt er nicht bei einer einzigen dieser Lösungen, sondern bei nutzt sie lediglich als Erkenntnis, um, durch sie reicher geworden, von Werk zu Werk an Ausdrucksstärke zu gewinnen. Tizian kennt kein Sichizufrieden*geben mit einmal Gefun* denem. So kommt es, daß er als Künstlerpersönlichkeit niemals vor uns steht als ein Fertiger, wohl aber jedes einzelne seiner Gemälde ein einmaliges Ganzes darstellt. Als ihn 1576 fast hundertjährig in Venedig die Pest dahinraffte, war seine schöpferische Kraft noch immer ungebrochen.
Tizian war auf dem Gebiete der bildenden Kunst einer der wesentlichen Repräsentanten der Renaissance, jener „größten progressiven Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, einer Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft und Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit" (Friedrich Engels). In seinem Lebensjahrhundert, dem Cinquecento, erreichte eine Strömung ihren Höhepunkt, die Italien und auch das eine Sonderstellung einnehmende Venedig wie ein gewaltiger Strudel ergriffen hatte. Schon das 14. Jahrhundert bereitete, hauptsächlich in Florenz, den Boden für diese Umwälzung vor. Auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft war dabei von Wichtigkeit, daß ein starkes Interesse am Altertum erwachte. Für die Italiener bedeutete es nichts anderes als eine Wiederbesinnung auf die eigene ruhmreiche Vers gangenheit. Hatte man doch beispielsweise vielerorts noch die Reste der machtvollen Architekturen vor Augen und sich stets ein Bewußtsein für ihre Größe bewahrt. Die wichtigste Voraussetzung war jedoch, daß nun im 14. Jahrhundert die städtischen Ge* meinwesen sich voll ausgebildet hatten und mit ihnen ein Bürgertum, das frei von feu* dalistischer Einschränkung war. Der Wohlstand dieser herrschenden Klasse brachte das Bedürfnis nach Bildung und weltlicher Pracht mit sich. Auf allen Wissensgebieten wurden gründliche Forschungen betrieben. Wichtige archäologische Ausgrabungen und literarische Entdeckungen wurden gemacht. Die großen Dichter dieses Jahrhunderts, Dante und Petrarca, räumten dem Altertum in ihren Werken einen nicht geringen Platz ein. Jedoch hatte das 14. Jahrhundert noch gegen die mittelalterliche Gesinnung anzu« kämpfen, während mit dem 15. Jahrhundert die unumschränkte Herrschaft der Renais* sance begann. Nicht nur, daß sich die Wissenschaften in unerhörtem Maße entwickelten, Bibliotheken zusammengetragen wurden, die Poesie in hoher Blüte stand, sondern auch das tägliche Leben wurde jetzt im tiefsten von der neuen, an der Antike sich orientieren* den Gesinnung berührt. Und doch wurde daraus keine reine Reproduktion, sondern ein in jeder Hinsicht neuzeitliches Lebensgefühl. In gleichem Maße aber, wie sich der Ent* deckerdrang auf die Erscheinungen der äußeren Welt richtete, dehnte sich die Aufmerke samkeit der Zeit auch auf die Empfindungswelt und das Gefühlsleben, die Psyche des Menschen aus. Die Persönlichkeit, das Individuum reifte heran und damit die Fähigkeit, Eindrücke und Erlebnisse zu differenzieren und zu erkennen und vor allem sie zum Ausdruck zu bringen. Daß sich für solche sublimen Vorgänge im Menschen die bildende Kunst als Mittel der Wiedergabe gleichsam aufdrängte, erscheint verstände lieh; die Hochrenaissance, das 16. Jahrhundert, brachte für die Malerei hier bisher ~> Ungeahntes.