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EinführungNach einer geläufigen Vorstellung von der Geschichte der neueren Lehre vom Menschen ist Alfred Adler ein Schüler Freuds, und zwar der erste, der - im Jahre 1911 - abtrünnig wurde, indem er an der Schlüsselstellung der Sexualtriebe im Aufbau der Person Zweifel aruneldete. Damit traf er tatsächlich den Freudschen Ansatz in einem entscheidenden Punkt. Es liegt nahe, seine Trennung von Freud als einen Rückfall in die Denkweise des 19. Jahrhunderts, also als einen Verzicht auf Selbsterkermmis, einen Verrat am psychologischen Fortschritt, zu verstehen; wie es zweifellos auch Freud getan hat. Tatsächlich hatte es schon viel früher tiefgreifende Abweichungen zwischen den beiden Denkern gegeben; ein wenig bekanntes äußeres Anzeichen ist die Tatsache, daß Adler schon 1904 die Absicht geäußert hatte, sich aus dem Kreise Freuds zurückzuziehen. Wenn Adlers Biographen recht berichten, hat ihn damals Freud überredet zu verbleiben. Was hatte die beiden eigentlich zusammengeführt? - In einem Gespräch mit Arthur Emst, von dem das Neue Wiener Tagblatt am 1. Juli 1928 unter dem Titel >Besuch bei Dr. Alfred Adler< berichtete, erzählte er von seinem ersten Zusammentreffen mit Freud im Jahr 1899: Damals wurden nervöse Störungen einfach symptomatisch behandelt, durch Kaltwasserkuren und dergleichen. Alle diese Methoden, zu denen auch die Hypnose gehört, schienen mir nicht an die Wurzel der Störung zu gehen und im Grund nichts weiter als Wunderkuren zu sein. Ermutigt durch die Schriften von Charcot und Janet, versuchte ich tiefer und tiefer einzudringen, um den psychologischen Zusammenhängen auf den Grund zu kommen. Da besuchte ich 1899 eine Vorlesung von Dr. Freud, der, wie ich, die psychologischen Zusammenhänge der verschiedenen Neurosen zu finden versuchte. In den Jahren 1901 und 1902 wurde ich von Freud zu den Diskussionen über das Problem der Neurose eingeladen, die er regelmäßig mit einigen seiner Schüler führte.^ Wie Freud dazu kam, Adler einzuladen, ist nicht überliefert. Doch trifft mit hoher Wahrscheinlichkeit die Überlieferung zu, nach welcher1 Da mir die fraglidie Nummer des Neuen Wiener Tagblatts nidit zugängliA war, ist die obige Wiedergabe der Äußerung Adlers eine Rüdeübersetzung aus dem Englischen, und zwar aus H. L. und R. R. Ansbadier, Superiority and social Interest. Evanston, Illinois 1964, S. 336, Fußnote 8. - W. M.