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Es ist die unkomplizierteste Substanz auf Erden und besteht lediglich aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom. Unter den Philosophen der Frühzeit galt es als fundamentaler Baustein des Lebens, als Urquell allen Seins - und sie hatten damit nicht unrecht. Es überzieht die Erde in zahllosen Formen: als Quelle, die an einem Berghang entspringt, als stiller, silbrigglänzender See oder als Fluß, der ruhig dem Meer entgegenströmt.
Doch das Wasser, diese wohltätige Flüssigkeit, die so still, sanft und lenkbar ist, hat wie der Januskopf eine zweite, mörderische Seite. Sobald es sich aus Kanälen und Staubecken befreit hat, rast es unter der Einwirkung der Schwerkraft dahin. Bei Hochwasser wird der kleinste Fluß zum brausenden Strom, und knietiefes Wasser kann einen Menschen umwerfen und zu seinem Ertrinken führen. Selbst Häuser werden zu brüchigen Archen: Riesige Wellen aus tausend Tonnen Wasser können Gebäude aus ihren Grundfesten reißen.
Solche Katastrophen haben die Menschheit seit Noahs Tagen heimgesucht — es gab Tausende davon. Zu denen, die am eingehendsten untersucht wurden, gehört die Überschwemmung des Jahres 1966 in Florenz. Am Abend des 3. November wurde der Schlaf der Bürger von dem gleichmäßigen Geräusch eines schweren Dauerregens begleitet. Am nächsten Morgen erwachten die Menschen durch ein entsetzliches, dumpfes Dröhnen und stellten fest, daß der Arno durch die Straßen tobte.
Die Statistik hält einen Teil der Verluste fest: 35 Tote, 5000 Obdachlose, 15 000 zerstörte Autos. Der Schaden, der an Büchern, Gemälden, Fresken und Skulpturen entstand, entzieht sich einer Schätzung. Doch dem wahren Entsetzen werden nur die Eindrücke von einer in den Fluten versinkenden Stadt gerecht.
„Eine aufgewühlte Wassermasse erstreckt sich von einem Ufer zum anderen, an ihrer Oberfläche züngeln Wellenkämme, die beim Uberkippen Gischt versprühen", schrieb Ka-thrine Kressmann Taylor, eine amerikanische Augenzeugin. „Die Straße, die parallel zur Uferstraße verläuft, ist zum Fluß geworden. Wie die Hänge einer Schlucht bilden die Hauswände seine Ufer. Das Wasser stürzt auf den Platz als Wirbel aus Wellen, Strudeln und Abfall, der wie verrückt umhertanzt."
Solche Verwüstungen entziehen sich herkömmlichen Beschreibungen. „Um zehn Uhr", schrieb Kathrine Taylor, „kommt erneut eine Nachrichtensendung im Rundfunk: ,Florenz ist ein See', heißt es - was für eine absurde Gelassenheit in dieser Metapher steckt!"
Unter einem regenschweren Himmel überspült der aufgewühlte Arno Brücken und Ufermauern und braust durch die alten Straßen von Florenz. Bei der Überschwemmung im Jahre 1966 wurden nahezu alle Baudenkmäler der Renaissance beschädigt, darunter der berühmte Palazzo Vecchio (Mitte), in dem einst ein Fürst aus dem Geschlecht der Medici gewohnt hat.
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