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Van Gogh [antikvár]
 
SEIN LEBEN UND WERK I Ji ist ein Gemeinplatz der Kunstkritik, die Namen van Gogh, Gauguin und Cézanne als Führer der sogenannten Sdiule des Nachimpressionismus und als unmittelbare Vorläufer der Pariser Schule, die für die letzten 40 Jahre den Schauplatz der europäisdien Malerei beherrsdit hat, zu vereinigen. Das muß indessen nicht bedeuten, daß van Goghs Stil eine Abzweigung oder Weiterentwicklung des Impressionismus sei oder daß ihm wirklich ein Platz unter den Malern Frankreichs gebühre. Während er, als Holländer geboren, die...
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SEIN LEBEN UND WERK I Ji ist ein Gemeinplatz der Kunstkritik, die Namen van Gogh, Gauguin und Cézanne als Führer der sogenannten Sdiule des Nachimpressionismus und als unmittelbare Vorläufer der Pariser Schule, die für die letzten 40 Jahre den Schauplatz der europäisdien Malerei beherrsdit hat, zu vereinigen. Das muß indessen nicht bedeuten, daß van Goghs Stil eine Abzweigung oder Weiterentwicklung des Impressionismus sei oder daß ihm wirklich ein Platz unter den Malern Frankreichs gebühre. Während er, als Holländer geboren, die ersten sechs Jahre seines Malerlebens in Holland arbeitete, strebte er nach einem Stil, der viel lebendiger war als jener der holländischen akademisdien Genremaler der Haager Schule, und vollendete sein überaus charakteristisdies und bedeutendes Werk in den letzten vier Jahren seines kurzen und hektischen Lebens auf franzö-sisdiem Boden unter den Bauern, Weinbergen, Obstgärten und Olivenhainen und unter der sengenden südlichen Sonne der Provence. Seine Kunst ist jedodi der französischen Malerei vollkommen entgegengesetzt. Bei van Gogh sind es die Gefühle, die den Ursprung seiner Kunst bilden — Gefühle, deren nicht in Ruhe gedadit wird, sondern die unmittelbar auf die Spitze des Pinsels übertragen werden. Wenn durchaus eine Kennmarke verlangt wird, ist er ein Expressionist, und tatsädilich kann man ihn als den Begründer der modernen expressionistischen Bewegung ansprechen. Diese Art zu malen ist nicht weniger berechtigt oder authentisch als das Malen durch die Sinne, was man Realismus, oder durch den Intellekt, was man Idealismus nennt. Dagegen sieht sich der Expressionist durch seine Natur selbst und in seinem Bedürfnis, seine eigenen subjektiven Gefühle darzustellen und die andern davon zu überzeugen, daß in seinem persönlichen Verhältnis zum Erlebnis Realität liegt, gezwungen, zu verzerren, hervorzuheben, ja, zu predigen. »Idi wär verzweifelt, wenn meine Gestalten korrekt wären«, sagt Vincent in einem seiner Briefe an Theo. »Du mußt wissen, daß ich sie nidit nötig habe, um akademisch korrekt zu sein . . . meine große Sehnsucht ist darauf gerichtet, zu lernen, diese Unrichtigkeiten, Abweichungen, Umgestaltungen und Veränderungen der Wirklichkeit so vorzunehmen, daß sie meinetwegen unwahr werden können, doch wahrer sind als die buchstäbliche Wahrheit.« Unter van Goghs unmittelbaren Nachfolgern malte vor allen andern Rouault aus seinem Innern heraus in düster-glühenden Farben und schweren, schwarzen Umrissen, die von seinem Hang zur Kunst der Glasmalerei herrührten. Grünewald und El Greco waren religiöse Künstler, die sich der Symbole des gläubigen Zeitalters bedienten, Rouault aber vergegenwärtigt den modernen Leidensmann in seinen tragisdien Gestalten von Clowns, Tänzern und kleinen, kriechenden Advokaten. Van Gogh war ebenfalls ein Mensdi von tiefer, religiöser Überzeugung, doch konnte er Religion schon im Zubehör und in den Umgebungen des gemeinen Mannes finden — in einem Napf Kartoffeln, einem Paar alter Stiefel, einem modrigen ländlichen Kirdihof und besonders in den Menschen selbst, in Webern, Armenhäuslern und Bauern in ihrem urewigen Kampf mit der Scholle. Ihr Leben war wie das seine, hart und von Sorgen erfüllt. Seine Kunst war, wie Eric Gill gesagt hat, »Propaganda für die Werte des einfadien Volkes und der einfachen Dinge«. Nicht nur seine Malereien und Zeichnungen, sondern auch besonders seine zahlreichen Briefe an Theo und an die Künstler Emile Bernard und Ridder van Rappard atmen leidensdiaft-liche Liebe zur Menschheit. »Es scheint mir mehr und mehr, daß alles im Volke wurzelt es ist lohnender, in Fleisch und Blut zu sdiaffen als in Farbe und Gips, es ist lohnender, Kinder zu machen als Bilder oder als Geschäfte zu führen.« Fraglos ist es seine angeborene Liebe zur Menschheit, die seine Kunst der Gesamtheit so allgemein zusagend gemacht hat, und ein scheinbarer Widerspruch liegt darin, daß er sich erst, als er bei den Menschen versagt hatte, der Malerei als einer Laufbahn zuwandte, in der er der Menschheit zu dienen suchte. Denn er scheiterte völlig auf dem Gebiet der menschlichen Beziehungen, bei seinen Eltern, bei Angestellten und seinen Kunden im Kunsthandel, bei den Kranken und Sterbenden, denen er als Laienprediger diente, bei den Bergleuten im Borinage und bei den Frauen, die er liebte, aber nicht gewinnen konnte. Sein Gefühlsleben war so stark und tief, daß sich nach den Worten Roger Frys »seine Persönlichkeit nur durch einen gequälten und schwierigen Ausdruck des Malens Bahn brach, weil sie überall auf fatale Hindernisse stieß und genötigt war, um jeden Preis einen Ausweg zu finden«. Und der höchste Zoll, den er für die Einfachheit und Reinheit seines Charakters und für seine Größe als Künstler zu entrichten hat, ist seine Fähigkeit, sentimentale Ausschweifungen, denen ein geringerer seines Schlages unvermeidlich nachgeben würde, zu vermeiden. Nicht vor dem Jahre 1880 entschied sich van Gogh endgültig, sidi ganz der Kunst zu widmen. Nach einem Winter voller Armut und Jammer, »der schlimmsten Zeit, die ich durchgemacht habe«, für Wochen hintereinander ohne einen Pfennig Geld trotz den unregelmäßigen Liebesgaben, die ihm seine Eltern und sein Bruder Theo spendeten, kehrte er ins Borinage zurück und wohnte bei einem Kohlenbergwerker in Cuesmes bei Möns. Von hier schrieb er einen seiner längsten und rührendsten Briefe an Theo, worin er sich für seine Unfähigkeit entschuldigte, sich selbst sein Brot zu verdienen: »Ich wäre sehr erfreut, wenn Du in mir etwas anderes als einen faulen Bursdien sehen könntest. Denn es gibt zwei Arten Faulheit, die einander ganz

Termékadatok

Cím: Van Gogh [antikvár]
Kiadó: Kunstreihe des Safari-Verlages
Kötés: Varrott papírkötés
Méret: 250 mm x 320 mm
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