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Venedig war immer eine kosmopolitische und tolerante Stadt. Schon vor vielen Jahrhunderten bewegten sich wie heute Menschen aus aller Welt auf dem Markusplatz und der Rialto-Brücke, und die Venezianer griffen Anregungen von überallher auf. Man braucht sich nur die Markuskirche anzuschauen: Orientalische Kuppeln wölben sich über romanischen Skulpturen, griechische Kunstwerke stehen neben syrischen und byzantinischen. Eine unglaublich farbige, vielfältige Welt tut sich auf - und diese Farbigkeit hat ihren Ursprung in der Offenheit für fremde Einflüsse. Venedig war ein Schmelztiegel der Kulturen wie heute New York oder Paris.
Neben dem großartigen, dem bekannten und internationalen Venedig existiert aber auch die provinzielle Atmosphäre der Stadtviertel, in denen jeder jeden kennt und wo man sich regelmäßig im bácaro, der Weinkneipe, zu einem Gläschen trifft. Immer wieder ist ja davon die Rede, Venedig sei völlig von Touristen überlaufen, es habe sich gleichsam an den Fremdenverkehr verkauft. Gewiß, die Fremden sind in der
Lagunenstadt überall gegenwärtig. Aber das venezianische Eigenleben läuft fast unberührt davon weiter. Um einen Eindruck davon zu gewinnen, braucht man sich nur ein wenig vom Markusplatz oder der Rialto-Brücke zu entfernen. Dann sieht man auf dem Platz vor S. Pietro di Castello die jungen Mütter miteinander plaudern, während ihre Kinder zusammen spielen; oder man gelangt in eine unscheinbare Bar, wo im Halbdunkel die Pensionäre ihre ombra trinken - wie das Glas Wein in Venedig heißt - und die letzten Fußballergebnisse kommentieren.
Das Leben hier ist keine Idylle: Viele Wohnungen befinden sich in einem heruntergekommenen Zustand, manche sind feucht, und die Mieten liegen höher als in jeder anderen italienischen Stadt. Daneben gibt es auch edel restaurierte, prunkvolle Apartments, doch die haben für Normalbürger unerschwingliche Preise. Sie dienen einer kleinen Oberschicht oder werden, häufiger, von wohlhabenden Auswärtigen - Italienern wie Ausländern - als Ferienwohnung genutzt. Das Wohnungsproblem ist die Hauptursa-