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VORWORT
VERSAILLES : DIE VORLÄUFER UND DER STIL
Die Gesamtansicht von Versailles - auf Plänen oder auf Luftbildern - verkörpert die vollkommene Ordnung in Anlage der Achsen, Verteilung der Gebäude, der Bosketten der Brunnen, Alleen und Wasserbecken sowie in der Abfolge der "grünen Säle". Wir wissen daß all das nicht mit einem Mal verwirklicht und daß manches sogar nur für den Augenblick ae-schaffen wurde ; aber dieses Gesamtbild wirkt so harmonisch, daß man den Eindruck hat Ludwig XIV. habe es von Anfang an in seiner endgütligen Gestalt vor sich gesehen. Dennoch steht Versailles in einer Tradition, die von seinem Glanz überstrahlt und leicht vergessen wird, und die poetische Stimmung des Ortes verdeckt die Vielfalt ihres Stils.
Seit derzeit der ersten Valois, Karls V. und seiner Brüder, der Herzöge von Berry, Anjou und Burgund, war die Überzeugung fest verwurzelt, daß der Glanz der fürstlichen Residenz und der Reichtum der Sammlungen das Ansehen ihres Besitzers erhöhten. Renaissance und Manierismus brachten dann im Zusammenhang mit dem Aufkommen der absoluten Monarchie das Streben nach Einheit und Größe. Dieses Streben kam in der Regelmäßigkeit und In der Pracht des Schlosses von Chambord und des Louvre zum Ausdruck, sowie im Projekt des Tuilerienschlosses von Philibert Delorme für Catherine de Médicis und dem Charleval-Projekt von Jacques I Androuet du Cerceau für Karl IX. Fontainebleau erhielt seinen besonderen Reiz mehr durch den italienischen Stil in der inneren Ausgestaltung als durch die Schönheit der äußeren Architektur. Heinrich IV., der viel gebaut hat - sowohl aus persöna-licher Neigung wie um die Schäden der Religionskriege wieder gutzumachen -, hat dieser Residenz einen monumentalen Eingang an der Ostseite sowie die Cour des Offices hinzugefügt und die Ausführung anziehender Gemächer gefördert, die der zweiten Schule von Fontainebleau angehören. Unter Ludwig XIII. und Ludwig XIV. bis zum Tod von Mazarin entstanden dann sehr viel deutlichere Vorstufen von Versailles. Der klassische Stil enfaltete sich in der meisterhaften Gestaltung klarer Baukörper; so im Palais du Luxembourg, den Salomon de Brosse für Marie de Médicis entworfen hatte, und in den eleganten, gleichsam klingenden Linien der Architektur von François Mansart, wie wir sie im Gaston d'Orléans-Flügel des Schlosses von Blois und im Schloß von Maisons vor uns sehen. In Paris erreichte das Hôtel (Stadtpalais) seine Vollendung in Treppenhaus, Galerie, Dekor und Aufteilung, wofür das Hôtel de la Vrilliere von Mansart und das Hôtel Lambert von Louis Le Vau als Beispiele dienen können. Von diesem letztgenannten Meister ist gesagt worden, er habe den Raum "in Szene gesetzt", denn ersteht in der tat dem italienischen und römischen Barock nahe, dessen Verbreitung in Frankreich Mazarin förderte. Die Galerie Mazarine in seiner Pariser Residenz (Bibliotheque Nationale) und die Sommer-Gemächer der Anne d'Autriche im Louvre, ausgemalt von Romanelli, waren Beispiele dafür mitten in Paris. In Vaux-Ie-Vicomte beschäftigte der Surintendant Fouquet, bevor er in Ungnade fiel, dieselben Künstler, die sich danach in Versailles auszeichnen sollten : Louis Le Vau, Charles Le Brun, den Maler und Dekorateur, und André Le Nôtre, den Schöpfer der Gärten. Die gedämpfte Dynamik der Fassaden und mehr noch der prachtvolle Innendekor verkörpern eine französische Variante des Barock ; dagegen stellen die Gärten mit ihrer souveränen Anpassung der Natur an die sichtbare Majestät des Ortes eine der höchsten Ausformungen des französischen klassischen Stils dar. Man begreift nun die Vielfalt von Versailles. Ludwig XIV., der die Louvre-Kolonnade bauen ließ, hatte zuvor Berninis Plan für den großen Pariser Palast zugestimmt. Seine Politik bedurfte der Prachtentfaltung, sein persönlicher Geschmack kam dem entgegen, und mit ihm gefiel seinem jungen Hof das fröhliche Leben und Treiben der Feste. Es gibt ein versunkenes Versailles des Barock, das Versailles der Hoffeste und der für solche Gelegenheiten geschaffenen Architektur. Die Effekte in Innern der Grotte derThetis gehörten ebenfalls dazu. Und das große Appartement des Königs, der Spiegelsaal, die Sale des Knegs und des Friedens übertragen den großen italienischen Barockdekor, wie er uns in den von Pierre de Cortone geschaffenen Planetensälen des Palazzo Pitti in Florenz entgegen^itt, in französisches Stilempfinden. Selbst die Fassaden von Jules Hardouin-Mansart bewahren eine Fülle und eine Bewegtheit, die dem Barock recht nahestehen ; zwei Eigenschaften die sich mit den großartigen, ruhevollen Perspektiven von Le Nôtre glücklich verbinden, und wirklich verkörpert Versailles ja jenseits aller subtilen Stilunterscheidungen das Ewige der Kunst.