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SENECA • MENSCH UND WERK
Die Geschichtsschreibung der frühen römischen Kaiserzeit berichtet aus dem Jahr 62, dem achten Regierungsjahr des Kaisers Nero, ein sehsames Ereignis: Der Erzieher und erste Ratgeber dieses Herrschers, ein römischer Ritter spanischer Herkunft, Lucius Annäus Seneca, bat in dringender persönhcher Angelegenheit beim Kaiser um eine Audienz. Mit Hinweisen auf sein vorgerücktes Alter, seine angegriffene Gesundheit, seine wissenschaftlichen Bemühungen versuchte er, Entlassung aus seinem Staatsamt zu erreichen. Gleichzeitig bat er um Rücknahme der Anteile seines riesenhaften Vermögens, die ihm als kaiserliches Geschenk für vierzehn Jahre treue Dienste zuteil geworden waren.
Der römische Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus (um 55 - um 120), der ein halbes Jahrhundert später in seinen >Annalen< eine Geschichte der römischen Kaiserzeit vom Tode des Augustus (14 u. Z.) bis zum Ende Neros (68 u. Z.) verfaßte, hat uns eine eindrucksvolle Schilderung dieser Szene hinterlassen, die er zugleich in einen größeren, die Hintergründe des Geschehens aufdeckenden Zusammenhang stellt: Einem als eitel, grausam und unberechenbar-hinterlistig bekannten und gehaßten Herrscher sind alle Gefährten seines Aufstiegs, alle Mitwisser